Wie geht sinnvolles Alter?

von Robin Kreide

Eine Rezension

Oskar Sauter

Wir leben länger als in früheren Jahrzehnten, aber wie können wir die gewonnen Jahre sinnvoll, richtig und gut nutzen? Oskar Sauter hat dazu Ludwig Haslers Buch „Für ein Alter, das noch was vorhat“ gelesen.

 

Aufgrund der veränderten Lebensverhältnisse seit Beginn der 50-er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts und der Verbesserungen im Gesundheitswesen hat sich die Lebenserwartung in Mitteleuropa deutlich erhöht. Wir werden älter. Und nicht nur das. Der medizinische Fortschritt und das gestiegene Vorsorgebewusstsein haben bewirkt, dass wir nicht nur älter werden, sondern dabei auch gesünder bleiben. Deshalb sind die Menschen bei Renteneintritt heutzutage auch so vital wie keine Generation vor ihnen. Doch wie können wir diese Vitalität einsetzen, um die vielen Jahre zwischen Rentenbeginn und Lebensende sinnvoll zu gestalten?

Genau dieser Frage geht der Schweizer Philosoph Ludwig Hasler nach, wenn er ausführt, wie man im Alter sein Leben wertvoll und für die Nachwelt spürbar gestalten kann. Daraus geworden ist ein Plädoyer für ein engagiertes Alter. In drei Abschnitten schreibt Hasler über das Alter: Einleitend diskutiert er die Konsequenzen der medizinischen Erfolge, die ein langes Leben ermöglichen und spricht ein Szenario an, in dem durch Langlebigkeit und der wiederkehrenden „Exit-Kultur“, die es bereits zu Zeiten der Stoiker gab, das Alter, wie wir es kennen, quasi abgeschafft wird. Im Hauptteil begründet er seine Überzeugung, dass sich die Alten, solange sie können, nützlich für die Gesellschaft machen sollten. Abschließend gestattet er den Alten nach einem aktiven „dritten Lebensalter“ im – wie er sagt – „vierten Alter“ würdevoll zu „vertrotteln“ und begründet auch, wie wichtig er die Endlichkeit des Lebens für das Bewusstsein des Menschen hält.

Die Dramaturgie des Alterns hat sich geändert, so Hasler. Die Generationen vor uns waren mit Rentenbeginn abgearbeitet. Für sie war das Alter eine Zeit der Ruhe und des Rückblicks auf das Geleistete. Sie erwarteten von ihrem irdischen Leben nichts mehr, außer Zufriedenheit und ein Leben danach. Von den Jungen wurden sie in ihrer Weisheit befragt, sie waren per se anerkannt. Ihre Meinung wurde geschätzt und auf sie wurde gehört. Heute altern wir unter neuer Regie: Der mit dem Altern verbundene körperliche Verfall unterliegt einem Moratorium; die altersbedingten Vorzüge wie Erfahrung, Besonnenheit oder Weisheit sind in unserer Gesellschaft irrelevant geworden. Die Folge: kein Rückzug mehr in Untätigkeit, stattdessen aktiv bleiben bis ins hohe Alter, aber nichts mehr leisten. Permanenter Urlaub, Freizeit, dolce far niente, das ist das Credo der jungen Alten. Aber dafür gibt es auch keine gesellschaftliche Anerkennung mehr.

Alte Menschen sollten nach Haslers Meinung weiterhin einen aktiven, für die Gesellschaft sinnvollen Part im Leben übernehmen, weil der Generationenvertrag nicht beliebig elastisch ist und sie sich eigentlich sowieso nicht zu Tode langweilen wollen. Auf diese Weise bleiben sie mit der Welt verbunden, fühlen sich weiterhin als Teil der Gesellschaft und sind deshalb ganz nebenbei auch weniger anfällig für Depressionen oder Alkoholsucht.

Hasler konzentriert sich in seinen Überlegungen auf Jene, die finanziell gut ausgestattet sind und denen es gesundheitlich gutgeht, also auf die in unserer Gesellschaft Privilegierten. Die hilfsbedürftigen, mittel- und kraftlosen Alten werden im Vorwort seines Buches zwar erwähnt, dann aber vernachlässigt. Sie gehören nicht zur Zielgruppe dieses „Essays“, wie Hasler sein Buch selbst bezeichnet. Zielgruppe sind eindeutig gesunde, wohlsituierte und geistig rege Alte. Damit werden weite Teile der alten Bevölkerung leider nicht angesprochen.

Eingängig ist seine Argumentation, wenn er sagt, die emotionale Situation alter Mensch habe sich im Vergleich zu früher auch deshalb geändert, weil der Glaube an die Unendlichkeit abhanden gekommen sei. Deshalb, so fährt er konsequent fort, sollten Alte dazu beitragen, durch ihr aktives Tun den Jungen und somit der Nachwelt etwas mitzugeben. Dadurch lebe ihr Geschaffenes auch nach ihrem Tode fort. Bei diesem Gedankenfluss wird dem Philosophen das Herz weit, der Existenzialist schüttelt sich.

Die von ihm vertretene Meinung, der Mensch fühle sich gut, sobald er sich um mehr als sich kümmert, trifft selbstverständlich auch auf alte Menschen zu. Das führt Hasler aus und zählt dafür Beispiele auf: So könnten im technischen Umfeld die Alten als Fachkräfte mit ihrem Wissen da aushelfen, wo Lücken entstanden sind; ihre Erfahrung könnten sie dort einbringen, wo die Jungen mit Wissen allein scheiterten; er nennt als Berufe ferner Musiker, Künstlerinnen, Lehrer oder Ärztinnen, bei denen Alte mit ihrer Erfahrung punkten könnten und spricht von individuellem Coaching, Motivation oder situativer Förderung. Hier bleibt der Autor unkonkret, ein Philosoph eben. Gerne hätte ich außerdem gelesen, Alte sollten sich auch wieder darauf besinnen, wofür sie als Junge einmal eintraten und sich aktiv wieder dafür einsetzen.

Hasler spielt in „Für ein Alter, das noch was vorhat“ seinen philosophischen Background aus. Er mäandert durch die Geistesgeschichte, indem er viele Philosophen und Dichter zitiert, die sich in irgendeiner Weise mit dem Alter oder dessen Begleiterscheinungen beschäftigt haben. Das wirkt erfrischend auf diejenigen, die einen ähnlichen Impetus haben, philosophische Neulinge kann das im Lesefluss überfordern.

Als abschließendes Fazit sei angemerkt, dass Hasler mit seinem Essay ein Thema anspricht, das generationsübergreifende Bedeutung hat. Jeder Mensch möchte gebraucht und geschätzt werden. Immer wichtiger wird dieses Thema allerdings für Alte, weil sich für sie ihre Situation im Vergleich zu früheren Generationen verändert hat.

Ludwig Hasler: „Für ein Alter, das noch was vorhat“, Rüffer & Rub, 2019, 144 S., 22,80 EUR

 

Oskar Sauter

Oskar Sauter

Oskar Sauter arbeitet in einem IT-Unternehmen und hat langjährige Erfahrung in der Erwachsenenbildung. Er ist überzeugt, dass wir glücklicher leben, wenn wir die strikte Trennung von Arbeits- und Berufsleben auflösen und zu einem harmonischeren Ganzen kommen. Da er biographisch an der Schwelle zum Ruhestand steht, sucht er nach sinnvollen Gestaltungsmöglichkeiten für die kommende Lebensphase.

Zurück