Mehr Mobilität für alle Bevölkerungsgruppen

von Robin Kreide

Markus Menge im Interview

Marcus Menge

 

Herr Menge, was genau macht ein Mobilitätsmanager?


Meine Aufgabe beim ZVSN besteht darin, dafür zu sorgen, dass möglichst alle Bevölkerungsgruppen in der Region mobil sein können.


Könnte der ZVSN, um dieses Ziel zu erreichen, nicht einfach mehr Busse auf die Straße bringen?


So einfach ist es leider nicht. Und das nicht nur aus Kostengründen. Denn als der für den öffentlichen Nahverkehr zuständige Zweckverband wissen wir genau, dass man mit dem Linienverkehr, so wie wir ihn heute kennen, nicht alle Menschen in der Region gleich gut mit Mobilität versorgen kann. Wenn wir die Mobilität in einer Region wie Südniedersachsen, die in vielen Teilen ländlich geprägt ist, stärken wollen, also mehr Menschen aus dem privaten Pkw in ein öffentliches Verkehrsmittel holen möchten, wird dies nur gelingen, wenn wir auf der einen Seite das ÖPNV-Angebot verbessern und auf der anderen Seite die einzelnen Verkehrsmittel des Umweltverbundes besser miteinander vernetzen und aufeinander abstimmen.


Was für Möglichkeiten hat denn ein Dorf, das weit von einer Buslinie entfernt liegt, um die Mobilität für seine Bewohnerinnen und Bewohner zu erhalten oder zu stärken, wenn nicht den Einsatz privater Pkws?


Die Chance der Dörfer liegt aus meiner Sicht in dem dort oft noch ausgeprägten Gemeinschaftsgefühl. So könnte sich eine Dorfgemeinschaft etwa das Konzept eines Dorfbusses einmal genauer anschauen. Oder Bürgerinnen und Bürger aus dem Ort könnten eine sogenannte Mitfahrbank aufstellen: Wer sich draufsetzt, macht deutlich, dass sie oder er auf der Suche nach einer Mitfahrgelegenheit ist.


Sie sprechen gerade das DorfbusKonzept an. Seit letztem Jahr fährt zwischen Dransfeld und Göttingen ein sogenannter Bürgerbus. „Dorfbus“, „Bürgerbus“, was ist der Unterschiede?


Das Konzept des Bürgerbusses ist  wesentlich auf­wendiger. Er wird zwar von einem eingetragenen Verein betrieben und von ehrenamtlichen Fahrerinnen und Fahrern bewegt, ist aber wie der normale Linienverkehr an einen festen Fahrplan und das in dem Gebiet gültige Tarifsystem gebunden. Das bringt einen nicht unerheblichen Verwaltungsaufwand für den Verein mit sich und erfordert eine ausreichende Anzahl von Menschen, die den Bus fahren können. Ein Dorfbus ist vom Konzept her nicht ganz so aufwendig. Bei ihm werden in der Regel Bedarfsfahrten nach den individuellen Bedürfnissen der in dem Gebiet lebenden Menschen durchgeführt. Außerdem besteht beim Dorfbus viel leichter die Möglichkeit, zusätzliche Leistungen wie das Tragen der Einkauftüten zur Haustür anzubieten, was die Attraktivität steigern kann. Letztendlich hängt es aber immer von den Gegebenheiten vor Ort ab, welches Konzept das richtige ist.


Die Planung und Umsetzung derartiger Konzepte ist für ein Dorf nicht gerade trivial. Schließlich geht es ja auch um erhebliche Investitionen. Wie können Sie als Mobilitätsmanager des ZVSN interessierte Dorfgemeinschaften unterstützen?


Ich kann mit Knowhow in der Planungsphase helfen. Man kann mich jederzeit ansprechen – und zwar am besten möglichst frühzeitig. Da ich verschiedene Konzepte und Fördermöglichkeiten kenne, kann ich Informationen bereitstellen, die bei der Entscheidung helfen, ob sich die angestrebte Lösung in einem Dorf überhaupt sinnvoll betreiben lässt. Denn nichts ist frustrierender, als wenn ein Dorf lange Zeit engagiert plant und das Projekt am Ende gar nicht umsetzbar ist. Was ich ebenfalls vermitteln kann, sind Kontakte zu weiteren Ansprechpersonen oder zu Dörfern, in denen ähnliche Projekte bereits umgesetzt wurden.


In den letzten Monaten wurde in Deutschland immer wieder diskutiert, ob man den ÖPNV nicht für alle kostenlos machen sollte. Was halten Sie als Mobilitätsmanager von dieser Idee?


Die Fahrpreise sind selbstverständlich ein wichtiger Faktor, der die Entscheidung beeinflusst, ob ich vom Auto auf dem ÖPNV umsteige. Ebenso wichtig ist aber die Frage, ob ich den ÖPNV aufgrund der Fahrpläne und der Anbindung überhaupt nutzen kann. In Ballungsräumen gibt es zudem das Problem, dass der ÖPNV während der Rushhour bereits heute vollständig ausgelastet ist. Eine Umstellung auf eine kostenlose Nutzung könnte zur kompletten Überlastung führen, was den ÖPNV nicht attraktiver machen würde. Wenn man ein kostenloses Angebot umsetzen wollte, so müsste man dies nicht nur langfristig planen, sondern sich vor allem Gedanken über die Finanzierung machen.


Gibt es möglicherweise einen besseren Ansatz zur Stärkung des ÖPNV?


Exakt das genau untersuchen wir gerade mittels eines Tarifgutachtens. Dort gehen Experten genau der Frage nach, welche Maßnahmen kurz- oder mittelfristig technisch umsetzbar sind. Zudem wird die Frage der Finanzierung hierbei eine große Rolle spielen.


Nun sind Sie mit dem ZVSN zwar nicht für die Stadt Göttingen zuständig, Ihr Büro befindet sich aber in Göttingen. Außerdem haben Sie sich, bevor Sie hergekommen sind, bei der DB Rent GmbH mit dem Ausbau des Frankfurter Fahrradvermietsystems „Call a Bike“ beschäftig. Daher zum Schluss die Frage: Was ist Ihr erster Eindruck von Göttingen als „Fahrradstadt“?


Es fällt einem sofort auf, dass das Fahrrad hier intensiv genutzt wird. Außerdem wird in Göttingen einiges für den Fahrradverkehr getan. Wichtig ist aus meiner Sicht aber auch, die Verknüpfung der Fahrradmobilität mit Bahnen und Bussen in der Fläche zu verbessern. Hieran arbeiten unsere Verkehrsplaner zurzeit, beispielsweise mit der Umsetzung der landesweit bedeutsamen Buslinie von Göttingen nach Duderstadt, die ab dem kommenden Jahr den Betrieb aufnimmt. In Ebergötzen steht dann künftig eine mit Fahrradboxen ausgestattete Umsteigeanlage zur Verfügung, die den sogenannten Mobilitätsmix beispielhaft umsetzt. 

 

Robin Kreide

Robin Kreide gibt gemeinsam mit Dagmar Pairan das Magazin in göttingen heraus, ein regionales Magazin für Menschen im besten Alter. Mit seinem Unternehmen Pairan + Kreide berät er außerdem Unternehmen und Institutionen rund um die Themen Öffentlichkeitsarbeit und Content Marketing.

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