Eine Frage des Selbstbewusstseins?

von Martina Frigge-Filbir

Ein Zwischenruf

Martina Frigge-Filbir

Gerade war ich mit einer Freundin im Kino. Im Film „I feel pretty“. Mit Humor wird uns Frauen darin beigebracht, dass wir unabhängig von Größe, Gewicht und überhaupt Aussehen einfach mit Selbstbewusstsein durchs Leben gehen sollen, und schon wird alles gut. Ist das wirklich Stoff für einen ganzen Film, der eine Stunde und 50 Minuten dauert? Ja, tatsächlich.Und ehrlich gesagt erstaunt mich das gar nicht, denn dieses Thema ist bei uns Frauen noch immer up to date. Während die Männer bereits auf dem Trip des „erfolgreichen Scheiterns“ wandeln dürfen und nicht müde werden, uns zu erzählen, wie sie danach, also nach dem Scheitern, wie Phönix aus der Asche wieder aufgestiegen sind, sind die meisten Frauen noch auf der Suche nach ihrem Selbstbewusstsein. Immer wieder stelle ich mir die Frage, woher das kommt.

 

Nun gehöre ich selbst zu einer Generation, die unter dem Motto „sei still und hübsch!“ aufgewachsen ist. Außerdem ist eine Frau in meinem Alter gerade in der Phase, in der sie eigentlich nicht existent ist, also jedenfalls nicht in der Werbung. Da sind fast nur Frauen zu finden, die jünger oder gleich wieder erheblich älter sind als ich. Die jungen Frauen haben Scheidenpilz, die älteren Fußpilz oder sind gar gleich inkontinent. Angesichts derartiger Bilder von Frauen in der Werbung bin ich fast dankbar, derzeit zur Gruppe der Unsichtbaren zu gehören. Aber bleiben wir bei der Frage, warum viele Frauen ganz offensichtlich noch immer mit mangelndem Selbstbewusstsein zu kämpfen haben. Schon von klein auf hat sich in uns, also bei Frauen meiner Generation, der Eindruck verfestigt, dass wir irgendwie minderwertig sind, weil wir ja Mädchen sind und deshalb wenigstens hübsch sein sollten. Und so gelten umgekehrt nicht selten besonders hübsche Frauen oft als Dummchen. Doch wir Frauen haben Strategien entwickelt, um dem entgegenzuwirken. Zum Beispiel beeinflussen wir das Meinungsbild über uns mit unserer Kleidung. Ist Ihnen mal aufgefallen, dass viele hochdotierte Frauen ihre Kompetenz oft mit betont maskulinem Auftreten unterstreichen? Eine der wenigen Ausnahmen ist Amal Clooney, die britisch-libanesische Juristin, die mit George Clooney verheiratet ist. Mal davon abgesehen, dass diese Frau bereits von Haus aus so hübsch ist, dass sie auch im Kartoffelsack alles und jeden überstrahlen würde, ist sie eben eine der wenigen, die trotz ihres Berufes, unter anderem als Beraterin für Regierungen und die Vereinten Nationen, immer sehr weiblich gekleidet ist. Selbst wenn sie mal zum Hosenanzug greift, hat dieser ganz sicher eine starke feminine Note. Nun sieht die normale Durchschnittsfrau nicht unbedingt aus wie Amal Clooney, doch ist sie dann weniger wert oder intelligent, wenn sie weiblich daherkommt? Nein, natürlich nicht! Dennoch futtert sich manche Frau geradezu einen Schutzpanzer an, damit sie die kleinen oder auch größeren Sticheleien besser ertragen kann. Und die gibt es auch 2018 häufiger, als einem lieb ist.

 

Erst neulich wurde ich nach einer öffentlichen Veranstaltung von zwei Herren angefrotzelt, als ich mir einige dort auf einem Tisch ausliegende Broschüren zum Thema der Veranstaltung mitnahm. Ihr freches „Da sind aber nur wenig Bilder drin! habe ich (wieder einmal) schallend lachend kommentiert und mir meinen Teil dabei gedacht. Ich frage mich: Wenn jemand, der mich körperlich um mindestens 30 Zentimeter überragt, mich so „klein“ machen muss, dürfte es mit seinem Selbstbewusstsein nicht weit her sein, oder? Leiden also auch Männer gelegentlich unter mangelndem Selbstbewusstsein? Durchaus, aber sie geben es nicht zu und tragen es nicht so öffentlich zur Schau wie viele Frauen. Sie regeln das auf ihre Weise, etwa indem sie ihr Gegenüber auf subtile Art geringschätzen. Da wird bei der Vorstellungsrunde einfach mal ein Doktortitel unterschlagen oder in einer Diskussion eine gute Idee, gerne die einer Frau, ignoriert oder gar als die eigene ausgegeben.

 

Überhaupt lieben Männer die Ignoranz, insbesondere wenn es um gutes Benehmen geht. Denn je unsicherer sie sind, desto rüffeliger begrüßen sie zum Beispiel oft ihre Mitmenschen und meinen, sich damit auf eine höhere Stufe zu stellen. Und ja: Während ein Mann ohne Bauch „kein Mann ist“, ist eine rundliche Frau ganz schnell eine „dicke Kuh“. Dicke Frauen sind nicht erfolgreich, höchstens als Übergrößen-Model. Sie merken, ich könnte das beliebig fortführen, aber ich möchte an dieser Stelle nur noch schnell einen Appell an all die Frauen da draußen richten: Egal wie ihr ausseht, wer oder was ihr seid, ihr seid gut so, wie ihr seid. „You are simply the best!“ – so hat es schon die 78-jährige, noch immer Miniröcke tragende Tina Turner gesungen, die inzwischen mit ihrem (sehr viel jüngeren) Ehemann, dank Buddhismus spirituell in sich ruhend, ihr Leben genießt.

Martina Frigge-Filbir

Martina Frigge-Filbir

Martina Frigge-Filbir ist Radiomoderatorin und Moderatorin für Veranstaltungen in und um Göttingen.

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