ADHS ist keine Kinderkrankheit

von Robin Kreide

Martina Frigge-Filbir

ADS, das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom und ADHS, das Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom sind seit Jahren in aller Munde. Bei immer mehr Kindern wird es diagnostiziert. Mit diagnostiziert meine ich dabei nicht die mal eben getroffene Aussage der Eltern, dass ihr Kind zappelig sei oder die Vermutung des Hausarztes, dass bei einem Patienten möglicherweise ein ADHS vorliegen könnte. Ich meine damit die fundierte Diagnose durch mehrere Tests, die von darauf spezialisierten Psychologen über einen längeren Zeitraum durchgeführt wurden. Das soll hier aber nicht mein Thema sein. Ich möchte über Erwachsene mit einem ADHS berichten. Denn das ADHS gibt es nicht erst seit gestern, sondern bereits seit Jahrzehnten und wahrscheinlich sogar seit Beginn der Menschheitsgeschichte. Allerdings hatte das Phänomen lange keinen Namen. Das ADHS als Diagnose wurde erst vor rund 30 Jahren eingeführt. Doch was ist mit denjenigen, die vor den 1980-Jahren geboren wurden? Diese vielfach undiagnostizierten ADHS-Kinder von damals sind heute Erwachsene im fortgeschrittenen Alter. Das Problem: Therapeuten beziehungsweise Fachärzte für Erwachsene mit einem ADHS sind Mangelware. In Göttingen gibt es bei der Universitätsmedizin Göttingen eine Spezialsprechstunde, doch das war es dann auch schon.

Ob jeder niedergelassene Therapeut sich mit diesem Spezialthema auskennt, wage ich zu bezweifeln. Dabei werden entsprechende Spezialisten dringend benötigt, denn die bei manchen Betroffenen mit einem ADHS einhergehenden Krankheitsbilder wie Depressionen, Ängste, Suchterkrankungen aber auch Probleme im Alltag mit Familie, Beruf und im Sozialleben, sind behandel- bzw. lösbar. Wichtig zu wissen ist ebenfalls: Anders als gerne von Unwissenden behauptet, verwächst sich ein ADHS nicht, sondern begleitet Betroffene meist ein Leben lang. Was sich verändert, ist der Mensch und die Umgehensweise mit seiner „Erkrankung“. Wobei das Wort Erkrankung eigentlich falsch ist. Für mich als selbst Betroffene ist es eher eine Besonderheit und manchmal auch eine Gabe. Dabei hat ein ADHS viele Facetten und nicht jeder ADHS-ler hat alle Symptome und nicht jeder hat sie in ähnlich starker Ausprägung.

Bei genauer Betrachtung haben alle ADHS-Betroffenen eines gemeinsam, nämlich ihre Impulsivität. Erwachsene mit einem ADHS werden von ihrer Umwelt gerne als lebhaft wahrgenommen und in die Kategorie „Macher“ einsortiert. Durch ihre Überempfindlichkeit in der Wahrnehmung, ihr oft extrem schnelles Denken und impulsives Handeln entsteht dieser Eindruck nach außen. Allerdings zu Unrecht, denn wir sind nicht mehr „Macher“ als andere auch, nur eben ungeduldiger oder impulsiver, was die Umsetzung einer Idee angeht. Tatsächlich passiert es mir oft, dass ich schon handle oder „mache“, während andere noch diskutieren. Das ist nicht immer erwünscht und ich ecke damit des Öfteren an. Überhaupt fällt es mir schwer zuzuhören, wenn aus meiner Sicht nur langwierig geschwafelt wird. Ich bin dann schnell abgelenkt oder drifte gedanklich ab. Einfacher ist es, wenn mein Gegenüber eine gewisse Lebhaftigkeit mitbringt. Wenn etwa ein Referent nicht nur monoton labert, sondern seinen Vortrag durch interessante Bilder unterstützt, dann bleibe ich auch dran. Was nicht heißt, dass sonst alles an mir vorbeizieht! Aber ich filtere mir meist das Wesentliche raus, während ich den Rest an mir vorbeirauschen lasse.

Schwierig ist es für mich auch in unruhiger Umgebung, etwa in großen Lokalitäten. Denn als ADHS-lerin höre ich Umgebungsgeräusche oft genauso laut wie die Stimmen meiner Gesprächspartner am Tisch. Und wenn am Nachbartisch dann auch noch etwas Spannendes erzählt wird, bin ich manchmal dort mehr „Ohr“ als bei meinem Gegenüber. Noch herausfordernder wird für mich die Situation, wenn zusätzlich Musik aus Lautsprechern dröhnt. Dann kann es passieren, dass ich während eines Gesprächs auf einmal anfange mitzusingen oder mitzuwippen und mir dann  nicht selten verwunderte Blicke von meinen Tischnachbarn einhandle.

Was mir trotz meines höheren Alters immer noch schwerfällt, ist, bei Diskussionen nicht dazwischenzureden beziehungsweise mit meinen Gedanken reinzuplatzen, aber ich arbeite daran. Was mir aber wahrscheinlich bis an mein Lebensende erhalten bleiben wird, ist meine Ungeduld und Impulsivität. So kann es passieren, dass ich von jetzt auf gleich auf 180 bin und dann auch schon mal die gesamte Nachbarschaft zusammenbrülle. In der Regel dauert so ein „Anfall“ eine halbe Stunde, danach bin ich dann wieder normal. Warum das passiert? Das hängt damit zusammen, dass ich in der Regel vorher über einen langen Zeitraum meine Impulse unter Kontrolle halten musste und wehe, wenn dann jemand ein falsches Wort sagt.

Sport ist übrigens ein probates Mittel und hilft vielen Betroffenen, besser mit ihrer Impulsivität umzugehen. Schade, dass ich seit längerer Zeit immer wieder Ausreden für mich finde, warum ich dafür keine Zeit habe. Es ist übrigens auch ein Phänomen des ADHS, Dinge nicht lange durchhalten zu können bzw. immer wieder neuen Input zu benötigen, damit das Interesse an ihnen erhalten bleibt.

Irgendwie hört sich das alles bislang eher negativ an. Dies ist es aber nicht, denn diese Besonderheiten gereichen mir und vielen anderen ADHS-ler/innen gelegentlich auch zum Vorteil: Situationen schneller einschätzen und damit umgehen zu können, ist kein Nachteil. So manches Menschenleben wurde schon gerettet, weil es Menschen gibt, die impulsiv und instinktiv handeln und nicht erst stundenlang darüber nachdenken, ob sie etwas und wenn ja, was sie tun sollten. Tatsächlich gibt es auch Ärztinnen und Ärzte mit einem ADHS. Überhaupt gibt es uns in fast jeder Berufssparte, ohne dass die Kolleginnen und Kollegen davon wissen. Sie nehmen uns einfach so, wie wir sind. Trotzdem gibt es bei der Berufswahl einiges zu beachten. Menschen, die ein ausgeprägtes ADHS haben, das mit Strukturlosigkeit und extremer Impulsivität einhergeht, sollten sich etwa nicht unbedingt einen reinen Schreibtischjob aussuchen. Inzwischen gibt es eine Website zur Unterstützung bei der Berufsorientierung oder Ausbildungswahl für Menschen mit einem ADHS. Unter www.adhs-ausbildungskompass.de finden sich viele nützliche Tipps und Hinweise für Menschen mit dieser besonderen Gabe.

Am Schluss möchte ich ausdrücklich darauf hinweisen, dass nicht jeder Betroffene sein Leben lang Hilfe etwa in Form von Therapie benötigt. Tatsächlich kann sich das ADHS im Laufe eines Lebens verändern – sowohl in negativ wie positiv. Wichtig ist nur, dass Betroffene, falls erforderlich, Hilfe bekommen können und unseren Mitmenschen klar ist, dass wir nicht krank sind, sondern besonders!

Martina Frigge-Filbir

Martina Frigge-Filbir

Martina Frigge-Filbir ist Radiomoderatorin und Moderatorin für Veranstaltungen in und um Göttingen.

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