„Wohnen für Hilfe“ - Eine Idee mit Zukunft

von Till Duchatsch

Generationsübergreifende Nachbarschaftshilfe

Hinter „Wohnen für Hilfe“ verbirgt sich die kreative Idee, „alte“ Hausbesitzerinnen und Hausbesitzern mit freiem Wohnraum und „junge“ Studierende zusammenzuführen, um in einem höchst angespannten Wohnungsmarkt wie zurzeit in Göttingen zusätzliche Studentenwohnungen zu gewinnen und gleichzeitig neue Dienstleistungsangebote im häuslichen Umfeld zu schaffen.  


Reizvoll für die Studierenden daran ist, dass das Mietniveau für sie etwa auf der Höhe eines Studentenwohnheimplatzes liegt. Um dies zu erreichen, erbringen sie gegenüber ihrem Vermieter Dienstleistungen wie Gartenarbeit oder Hilfe beim Einkauf, die auf die Miete angerechnet werden und diese reduzieren. Der Anreiz für die Hausbesitzerinnen und Hausbesitzer liegt in den Leistungen, die ihre neuen Mieterinnen und Mieter für sie erbringen und der Freiheit, die sie dank dieser Unterstützung gewinnen oder erhalten können.
Das große Potential der Idee liegt darin, dass auf diese Weise eine neue Form der Nachbarschaftshilfe etabliert werden kann.  „Wohnen für Hilfe“ führt zwei Gruppen zusammen, die völlig unterschiedliche Bedürfnisse haben, aber denen gemeinsam ist, dass sie ihr Leben und Wohnen neu oder anders organisieren wollen oder müssen: Studierende kommen für einen begrenzten Zeitraum in eine Universitätsstadt und brauchen Wohnraum zu angemessenen Preisen. Hauseigentümerinnen und Hauseigentümer, die ihre Immobilie selbst bewohnen, haben in einer älter werdenden Gesellschaft oft Platz, stoßen aber bei der Bewirtschaftung von Haus und Garten an ihre Grenzen. Hier ergibt sich eine Schnittmenge, die gut gestaltet einen Gewinn für beide Seiten bringt. Sie kann zudem Ausgangspunkt für noch mehr nachbarschaftliche Hilfe sein, die dringend benötigt wird, um das Wohnen im eigenen Zuhause bis ins hohe Alter zu ermöglichen.


„Wohnen für Hilfe“ gibt es nicht nur in Göttingen, sondern auch in einigen anderen Universitätsstädten. Eine Herausforderung für alle derartigen Projekte besteht darin, dass einerseits Organisation und Ablauf eines Studiums besondere Flexibilität von den Studierenden erfordern. Andererseits verlassen sich die Hauseigentümerinnen und Hauseigentümer  auf ihre neuen „Helfer“ und sind möglicherweise sogar irgendwann von ihnen abhängig. Dies lässt sich nur durch eine gute Koordination lösen. In Göttingen haben deshalb das Studentenwerk Göttingen und die Freie Altenarbeit Göttingen ein Projekt gestartet, bei dem sich die Freie Altenarbeit Göttingen als etablierte Beratungsstelle um diese Koordination kümmert.


Daneben haben das Studentenwerk und das Göttinger GDA Wohnstift auf Basis der Grundidee „Wohnen für Hilfe“ ein erweitertes Konzept erarbeitet und umgesetzt. Im Mittelpunkt steht die Idee, die Unterstützung der Studierenden für Seniorinnen und Senioren in einer Seniorenresidenz nutzbar zu machen, also dort Wohnungen bereitzustellen und die Arbeitsleistung der Studierenden durch die Residenz zu organisieren. Der Nutzen wird hiermit für beide Seiten deutlich verbessert, indem neben der reinen Wohnraumstellung auch Abläufe bis hin zu Konflikten hilfreich durch einen kompetenten Ansprechpartner begleitet werden können.
Zwischen den Studierenden und dem Wohnungsanbieter gibt es in der Residenz eine professionelle Schnittstelle. Hier werden die Studierenden beraten und gegebenenfalls auch in Fragen des Zusammenlebens mit Seniorinnen und Senioren unter einem Dach „geschult“.
Dieses neue Konzept hat auf Seiten der Studierenden zu großem Interesse und einer regen Nachfrage geführt. Innerhalb weniger Tage gab es für die zwei Wohnplätze, mit denen eine Erprobungsphase begonnen wurde, 70 schriftliche Bewerbungen.


„Wohnen für Hilfe“-Projekte sind ein Baustein für den großen Bereich der nachbarschaftlichen Hilfe. Die demographische Entwicklung und der Rückgang des erwerbstätigen Teils der Bevölkerung machen immer mehr privat organisierte Netzwerke nötig. Diese können sich jedoch nicht alleine auf das Ehrenamt stützen. Es muss auch Modelle geben, die sich „gegenseitig“ tragen. Hier ist „Wohnen für Hilfe“ ein interessantes Element für eine Universitätsstadt wie Göttingen!
Zudem hilft ein solches Modell, den Dialog zwischen den Generationen zu fördern. In den heutigen sozialen Strukturen ist es nicht selbstverständlich, dass sich Jung und Alt treffen. Daher nimmt das Verständnis für den jeweils Anderen ab. Das Beispiel der Senioren-Residenz zeigt, dass dieser Dialog mit einem Projekt wie „Wohnen für Hilfe“ wieder neu in Gang gesetzt werden kann.

Till Duchatsch

Till Duchatsch ist Marketingleiter der Stiemerling Residenzen in Northeim. Zuvor war er Wohnstiftberater beim GDA Wohnsitft Göttingen.

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