Wissendurst im Alter

von Dagmar Pairan

Selfie 60plus

Im sechsten Stock eines universitären Zweckbaus aus den 1970er Jahren befindet sich ein unscheinbares, kleines Büro: Doch von hier aus wird eine Göttinger Bildungsinstitution verwaltet, die sich seit mehr als zehn Jahren stetig wachsender Beliebtheit erfreut.

Endlich etwas mehr über die deutsche Geschichte als in der Schule erfahren oder sich einmal im Leben tiefergehend mit Gleichgesinnten über die großen italienischen Opern austauschen? Seinen Traum wahr machen und sich ausgiebig mit der mannigfachen Kultur des Orients beschäftigen, den Spuren der Gotik in Norddeutschland nachgehen oder sich mit den russischen Romanautoren des Neunzehnten Jahrhunderts auseinandersetzen? Wann, wenn nicht jetzt, sagen sich seit mehr als einem Jahrzehnt immer mehr Menschen mit Ausscheiden aus dem Beruf oder dem Auszug der Kinder und besuchen eine Seminarveranstaltung der Universität des Dritten Lebensalters, der UDL.

Trotz der „Universität“ im Namen ist die UDL unabhängig von der Göttinger Universität und als gemeinnütziger Verein organisiert, der eigene Seminare anbietet. Ein Abitur müssen die an der Teilnahme Interessierten nicht vorweisen. Einzige Zulassungs-Voraussetzung: Wer sich anmelden möchte, muss über 50 sein. Die Bezeichnung „Universität“ trägt die UDL, weil in ihren Seminaren mit wissenschaftlichem Anspruch gelehrt wird und auch von den Teilnehmenden die gelesenen Texte, etwa die Romane einer bestimmten Epoche, mit literaturwissenschaftlichen Methoden analysiert werden.

Die Initiatoren können sich über die Entwicklung der Einrichtung freuen, denn seit ihrer Gründung 1995 ist die UDL ein großer Erfolg mit stetig wachsenden Teilnehmerzahlen. Ihr Einzugsgebiet reicht weit ins Eichsfeld, an den Harzrand und bis südlich von Kassel.

Anders als bei vergleichbaren Einrichtungen, wie etwa dem später gegründeten „Europäischen Zentrum für universitäre Studien der Senioren“ (EZUS) im lippischen Bad Meinberg, das sich ein Generalstudium für die Studierenden zum Ziel gesetzt hat, gibt es in Göttingen keinen festgelegten Themenkatalog, den die UDL abdecken möchte. In jedem Semester werden durch den Vorstand des Vereins Dozierende gesucht, die interessante Seminare anbieten. Direkten Einfluss auf das Lehrangebot der UDL nehmen die Studierenden durch ihre Vertretung, den „studentischen Hörerrat“. Dieser wählt aus allen Vorlesungen der Universität Göttingen diejenigen aus, die für die Mitstudierenden interessant sein könnten. Sie werden dann mit ins Vorlesungsverzeichnis der UDL übernommen und können zusätzlich zu den UDL-eigenen Seminaren besucht werden. Abgesehen von diesen Vorlesungen sind die Veranstaltungen der Universität Göttingen und die der UDL aber völlig getrennt. Damit unterscheidet sich die UDL von vergleichbaren Einrichtungen in anderen Städten, wo es immer wieder zu Konflikten zwischen jungen Studierenden und Studierenden der dortigen Angebote für Ältere kommt. So sah sich die Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt 2005 gezwungen, reguläre Universitätsseminare für Studierende der dortigen, ebenfalls UDL genannten, Einrichtung zu sperren, damit die durch Mittelkürzungen ohnehin überfüllten Universitätsseminare nicht völlig kollabierten und junge Studierende daran gehindert wurden, einen für ihre Prüfung wichtigen Seminarschein zu bekommen.

Pro Semester müssen von den UDL-Studierenden 125 Euro entrichtet werden. Dann können alle im UDL-Verzeichnis aufgeführten Veranstaltungen besucht werden. Einige Veranstaltungen bieten allerdings zum Lehrinhalt passende Exkursionen an, deren Kosten nicht mit dem Semesterbeitrag abgedeckt sind.

Fazit: Alle über Fünfzigjährigen, die täglich bereits nach dem Aufstehen einen starken Wissensdurst verspüren, sollten unbedingt einen Blick in das Veranstaltungsverzeichnis der UDL werfen. Das Verzeichnis ist im Göttinger Buchhandel erhältlich und lohnt sich auf jeden Fall. Und sei es nur, um sich durch die vielen spannenden Themen der angekündigten UDL-Seminare Anregungen zum Kauf neuer Bücher oder für Museums- und Konzertbesuche auf eigene Faust geben zu lassen.

Dagmar Pairan

Dagmar Pairan gibt gemeinsam mit Robin Kreide das Magazin in göttingen heraus, ein regionales Magazin für Menschen im besten Alter. Mit ihrem Unternehmen Pairan + Kreide berät sie außerdem Unternehmen und Institutionen im Bereich Öffentlichkeitsarbeit und Content Marketing.

Zurück

Einen Kommentar schreiben