„Unsere Dörfer müssen erreichbar bleiben“

von Robin Kreide

Marcel Riethig im Interview

Marcel Riethig

Mit dem demografischen Wandel wird der Anteil der Älteren an der Gesamtbevölkerung im Landkreis Göttingen in den nächsten Jahren stetig zunehmen. Marcel Riethig ist als Kreisrat für die Bereiche Soziales, Jugend und Schule im Landkreis Göttingen zuständig. Dagmar Pairan und Robin Kreide sprachen mit ihm darüber, wie sich die Region aus Sicht seines Ressorts am besten auf die nächsten Jahrzehnte und die mit ihnen verbundenen Veränderungen vorbereiten kann.

 

 

Herr Riethig, welche Aspekte beschäftigen Sie als Sozialdezernent im Zusammenhang mit dem demografischen Wandel  besonders?

Mein Ressort unmittelbar betrifft etwa die Frage, wie eine ausreichende ärztliche und pflegerische Versorgung der Älteren gewährleistet werden kann, aber zum Beispiel auch, wie wir eine schulische Versorgung der jüngeren Bewohner des Landkreises sicherstellen können, wenn in einigen Gemeinden die Einwohnerzahlen zurückgehen.
Ein weiterer Bereich, für den ich als Sozialdezernent nur indirekt zuständig bin, ist aus meiner Sicht jedoch ebenfalls sehr wichtig. In Zukunft müssen wir mithilfe des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) gewährleisten, dass unsere Dörfer erreichbar bleiben und die Bewohnerinnen und Bewohner auch ohne Auto mobil bleiben. Bereits heute ist es vielfach für Ältere unmöglich, mit dem Bus medizinische Versorgungseinrichtungen zu erreichen. Und dieses Problem betrifft mich als Sozialdezernent dann wieder unmittelbar. Um zum Arzt zu kommen, sind Betroffene teilweise auf die Hilfe von Nachbarn angewiesen, weil ein Taxi für sie zu teuer ist. Hier müssen wir reagieren. Der ÖPNV muss für diese Personen bessere Verbindungen anbieten. Gleichzeitig müssen wir mit günstigeren Preisstrukturen die ÖPNV-Nutzung auch für Jüngere attraktiver machen. Insgesamt müssen mehr Menschen den ÖPNV nutzen. Dann lohnt es sich auch, ein gut ausgebautes ÖPNV-Netz zu betreiben.

Niedrigere Fahrpreise werden also zu einer besseren Auslastung der Busse führen?

In der Stadt Göttingen hatte die Einführung des vergünstigten sogenannten Sozialtickets in diesem Jahr zur Folge, dass sich der Umsatz der Göttinger Verkehrsbetriebe erhöht hat. Personen, die vorher gar nicht oder nur sehr wenig mit dem Bus gefahren sind, nutzen dieses Verkehrsmittel plötzlich, da sie es sich nun leisten können.
Ein anderes Beispiel ist der Landkreis Hameln-Pyrmont. Dort gibt es seit diesem Jahr die sogenannte Bürgerkarte. Mit ihr kann man für 35 Euro im Monat jeden beliebigen Bus im Landkreis nutzen. Auch hier zeigt sich: Die Auslastung verbessert sich deutlich. Wenn wir dann außerdem noch mithilfe von Smartphone-Apps kleinere Busse einsetzen, die Haltestellen nach Bedarf anfahren, kann der ÖPNV noch attraktiver werden. Es gibt insgesamt viele Verbesserungsmöglichkeiten und gute Ideen. Rückblickend muss man sagen, dass wir uns in den letzten Jahrzehnten einfach nicht ausreichend um zukunftsweisende Ideen für den ÖPNV gekümmert haben.

Die Idee einer Bürgerkarte oder einer Smartphone-App umzusetzen ist sehr aufwendig. In Adelebsen wurde in diesem Jahr durch Bürgerinnen und Bürger einfach eine sogenannte Mitfahrbank aufgestellt: Wer sich draufsetzt macht damit deutlich, dass sie oder er auf der Suche nach einer Mitfahrgelegenheit ist. Man sieht, es geht also auch viel simpler ...

Auch viele solcher kleinen Projekte, die durch die Initiative direkt aus dem Dorf entstehen, muss es geben! Parallel sind aber groß angelegte Projekte wichtig, die verlässlich – sozusagen bei Wind und Wetter – Mobilität gewährleisten. Denn wenn ich zu einem beruflichen Termin oder einem Arzttermin unterwegs bin, muss ich ja wissen, dass der Bus auch kommt.
Den Charme der kleineren Bürgerprojekte macht neben der Lösung, die sie für ein bestimmtes Problem anbieten, immer der soziale Aspekt aus: Eine Mitfahrbank stärkt die Dorfgemeinschaft. Man lernt darüber neue Dorfbewohner kennen. Das stärkt auch die für ein funktionierendes Dorf wichtigen Nachbarschaften.

Wenn man sich im Landkreis umschaut, sind einige Dörfer sehr engagiert und entwickeln neue Ideen, während in anderen eher Ratlosigkeit darüber herrscht, wie man auf die gesellschaftlichen Herausforderungen des demografischen Wandels reagieren könnte. Woher kommen diese Unterschiede Ihrer Erfahrung nach?

Das hat meist mit Zufällen zu tun. In einigen Dörfern gibt es eben die Macherinnen und Macher, denen es gelingt, andere mitzuziehen, und irgendwann ist ein Großteil des Dorfes engagiert. In anderen Dörfern gibt es sie nicht. Um diese Entwicklungen nicht ausschließlich dem Zufall zu überlassen, unterstützt der Landkreis das Projekt „Dorfmoderation“. Hierbei geht es darum, dass Bürgerinnen und Bürger zu sogenannten ehrenamtlichen Dorfmoderatorinnen und Dorfmoderatoren ausgebildet werden. Sie lernen in einer umfangreichen Fortbildung, wie man die Akteure, also Vereine, Parteien, Kirchengemeinden und die einzelnen Einwohnerinnen und Einwohner, an einen Tisch bringt und wie man Ideen im Dorf anstoßen und umsetzen kann.

Aktuell wird in einigen Gemeinden im Landkreis wieder verstärkt der Ruf nach neuen Baugebieten laut. In der Tat sind in diesen Gemeinden die bestehenden weitgehend erschöpft. Halten auch Sie Neubaugebiete für ein wichtiges Element im Umgang mit den Folgen des demografischen Wandels?

Wenn wir den Landkreis Göttingen als Ganzes betrachten, so werden wir in den nächsten Jahren einen Überhang an Wohnraum haben. Im Gegensatz dazu wird es in Gemeinden in unmittelbarer Nähe zu Göttingen in der Tat Bedarf für weitere Baugebiete geben. Dies hat auch damit zu tun, dass in der Stadt Göttingen selbst bis 2030 fast 5.000 Wohneinheiten fehlen werden. Es ist abshebar, dass die Stadt Göttingen mit Baumaßnahmen im Stadtgebiet nicht in der Lage sein wird, diesen Bedarf zu decken. Hier ist eine Zusammenarbeit zwischen Landkreis und Stadt gefragt. Wir müssen uns an dieser Stelle noch mehr als eine Region verstehen, die in und rund um das Oberzentrum Göttingen einen Mangel an Wohnraum hat.

Was ist mit den Gemeinden im Landkreis, in denen es in den nächsten Jahren Leerstände geben wird?

Hier muss man sich genau anschauen, wo sie liegen. Wenn wir großräumiger als heute denken, werden wir feststellen, dass eine Gemeinde wie Herzberg, die aktuell zu den Gemeinden gehört, die eine Abwanderung zu verzeichnen haben, eigentlich in einer attraktiven Entfernung zu Göttingen liegt. Wenn man diese Entfernung mit der in einem Ballungsraum wie der Region Hamburg üblichen vergleicht, dann macht dies Herzberg und seine Dörfer als Pendlereinzugsgebiet für Göttingen durchaus attraktiv. Voraussetzung ist aber, dass zum einen der ÖPNV funktioniert. Zum anderen müssen wir darauf achten, dass etwa die Kinderbetreuung für junge Familien dort genauso verlässlich funktioniert wie in Göttingen und seinem unmittelbaren Umland.

 

Robin Kreide

Robin Kreide gibt gemeinsam mit Dagmar Pairan das Magazin in göttingen heraus, ein regionales Magazin für Menschen im besten Alter. Mit seinem Unternehmen Pairan + Kreide berät er außerdem Unternehmen und Institutionen rund um die Themen Öffentlichkeitsarbeit und Content Marketing.

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