Jetzt lasst doch mal die Alten in Ruhe!

von Tobias Wolff

Von Rollstuhl-Liften und wachen Greisen

Gestern fiel mir mal wieder unser alter Finanzierungsvertrag mit dem Land, der Stadt und dem Landkreis in die Hand. „Die Händel-Festspiele intensivieren die Auseinandersetzung mit den Folgen des demographischen Wandels“, heißt es dort in einer Überschrift. Als erster Unterpunkt folgt dann gleich der Punkt „Verjüngung des Publikums“. Darüber muss ich auch heute noch schmunzeln. Schließlich ist jedem, der aktuelle Statistiken über die Landkreise Göttingen und Osterode kennt oder offenen Auges durch die Region reist, klar, dass der demographische Wandel eher mit einem höheren Durchschnittsalter unserer Zuschauer einhergehen wird. Senioren bilden bereits jetzt oft die größte Gruppe in Konzerten und Opernaufführungen. Verächtlich wird von einigen der ausübenden Künstlern auf der Bühne oder externen Beobachtern von „Silbersee“ gesprochen. „Das Publikum Eurer Veranstaltungen stirbt aus“, suggerieren sie und empfehlen bereits Erste-Hilfe-Kurse für Musikstudenten. Ein altes Publikum sei nicht offen für Neues, ist ein weiterer wesentlicher Punkt der Diskussion.

Während meiner früheren Tätigkeit in Ostthüringen habe ich bei vielen Veranstaltungen die Folgen des demographischen Wandels erlebt. Um es vorwegzunehmen: Ja, auch ich habe manchmal geflucht über den demographischen Wandel. Zum Beispiel, wenn der ohnehin viel zu kleine Rollstuhl-Lift aus den 1990er-Jahren ausgerechnet am Dienstagnachmittag seinen Geist aufgibt, als vor der Tür ca. 12 Rollstühle Schlange stehen. Oder wenn ausgerechnet mitten in der schönsten Arie ein Besucher ohnmächtig wird und durch die voll besetzte Reihe ins Foyer geschleift werden muss.

Wie in vielen anderen Fällen habe ich mich aber auch in diesen Situationen selten über „die Alten“ geärgert. Die traurige Wahrheit ist in den allermeisten Fällen nämlich einfach, dass wir trotz jahrzehntelanger Vorwarnungen nicht wirklich auf den demographischen Wandel vorbereitet sind. Die Theater- und Konzertgebäude aus dem 19. Jahrhundert wurden für eine Gesellschaft mit völlig anderen Bedürfnissen gebaut.

Abgesehen davon, sind die Folgen des demographischen Wandels aus meiner Sicht weniger dramatisch, als sie manchmal dargestellt werden. Menschen im höheren Alter setzen sich wieder intensiver mit Zeitfragen auseinander und bringen mehr Empathie auf als viele jüngere Zuschauer. Meiner Erfahrung nach jedenfalls ist der 55- bis 60-Jährige meist viel konservativer als der 80-Jährige. Hierzu eine kleine Anekdote am Rande: ein Treffen mit den Altenburger Theater-Abonnenten im Jahr 2007. Viele Beschwerden einer kleinen Gruppe von Menschen zwischen 50 und 60, die Inszenierungen seien zu modern und so weiter. Die Mehrheit schweigt. Plötzlich donnert eine sehr alte Dame lautstark ihren Krückstock auf den Steinfußboden des Foyers und ruft mit erstaunlich starker Stimme und wunderbarem Altenburger Dialekteinschlag: „Ich halte das nicht mehr aus! Ich bin jetzt 95 und offensichtlich klarer im Koppe als ihr alle zusammen. Informiert euch mal ein bisschen mehr im Vorfeld, dann versteht ihr’s auch!“ Vielfaches Nicken bei den anderen älteren Damen. Der konservativsten Front meiner bisherigen Berufslaufbahn bin ich übrigens in Form einer neunten Gymnasialklasse begegnet, die forderte, ein Lohengrin müsse absolut in weißer Rüstung und mit Schwan daherkommen, alles andere sei verboten.

Für einen Kulturveranstalter sind übrigens nicht nur leuchtende Kinderaugen Geschenk und Antrieb zugleich, sondern auch leuchtende Rentneraugen oder das gezückte Spitzentaschentuch. Mittlerweile entwickeln Musiker gezielt Programme für Menschen mit Demenzerkrankungen. Angehörige, Pfleger und Musiker sind gleichermaßen erstaunt über die Reaktionen. So singt so manche Patientin, die sich monatelang nicht geäußert hat, plötzlich alle Strophen eines Volksliedes mit.

In der aktuellen Zielvereinbarung der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen gibt es übrigens einen neuen Satz, den sicherlich jeder unterstreichen würde: „Die Internationalen Händel-Festspiele Göttingen stärken die kulturelle Teilhabe aller Alters- und Bevölkerungsschichten“.

Das große Tabu: der Tod

Ein Freund von mir war 40 Jahre Generalmusikdirektor an einem Operettenhaus. Als er in den 1970er-Jahren sein Amt antrat, wurde er gewarnt: „In eine Operette gehen doch nur alte Leute, das Publikum stirbt bald aus.“ Seine beruhigende Lehre nach 40 Jahren: Das Publikum in seinem Hause ist so zahlreich wie früher. Heißt: die Alten wachsen nach. Oft zumindest. An anderer Stelle allerdings ist das Sterben nicht aufzuhalten: In Regionen mit sinkender Bevölkerungszahl schrumpft auch die Größe des Klassik-Publikums. Immer öfter hört man, dass etablierte Konzertreihen in der Provinz schließen.

Dabei spielt allerdings auch die Mobilität eine Rolle, die heute größer denn je ist. Aber kann man es Bewohnern kleinerer Gemeinden in strukturschwachen Regionen verdenken, wenn sie die neue Straße oder die S-Bahn auch nutzen, um schnell mal in die nächstgrößere Stadt zu fahren und ihr Kultur-Bedürfnis zu befriedigen? Können wir es den Menschen verübeln, wenn sie sich im großen Kino-Komplex luxuriös ausgestatte Inszenierungen des Royal Opera House Covent Garden oder der Metropolitan Opera New York ansehen, wo ihr Provinztheater schon seit Jahren kein Geld mehr für schöne Kostüme hat?

All diese Aspekte werte ich aber nicht als Menetekel für die klassische Musik, sondern eher als Symptom für die Veränderung unserer Lebenswelten. Wir werden darüber sprechen müssen, ob wir angesichts der steigenden Mobilität wirklich in jeder Stadt ein umfassendes Kulturangebot brauchen.

Müssten wir der Fairness halber nicht auch dazu erwähnen, dass Festivals immer mehr expandieren und neue Festivals wie Pilze aus dem Boden schießen. Offensichtlich gelingt es ihnen mit ihrem saisonalen, ausdifferenzierten Event-Betrieb besser, den Bedürfnissen des heutigen Klassikpublikums gerecht zu werden, als dem Mittwochs-Abo in der Kleinstadt. Insofern sollten wir dem Tod einer Kammermusikreihe statt mit automatischer Empörung gelegentlich auch mal mit einer größeren Differenzierung und etwas mehr Gelassenheit begegnen.

Wo wir gerade so schön über das Sterben sprechen: Viele meiner Kollegen können die ein oder andere Schauergeschichte erzählen über Todesfälle in Vorstellungen. Eine Horrorvision!!!

Wirklich?

Menschen zahlen viel Geld und reisen oft mehrere hundert Kilometer an, nur um andere Menschen auf offener Bühne sterben zu sehen. Die Herzen der Opern-Fans schmelzen dahin, wenn die Halb-Leiche im Jutesack vor dem letzten Röcheln noch ein paar letzte schöne Töne singt. Sie warten nur darauf, dass der auf einer südlichen Insel herrschende Außenseiter seine schöne Frau erwürgt. Kein Mediziner im Publikum würde einer „Traviata“ Antibiotika reichen, denn auch er weiß: je stärker die Tuberkulose desto schöner der Tod – jedenfalls in musikalischer Hinsicht. Auf der Bühne sterben Menschen wie die Fliegen, sie werden reihenweise ertränkt, enthauptet, erschossen, vergiftet, erstickt, erstochen, erhängt oder guillotiniert.

Und dann stirbt da alle paar Jahre mal ein Mensch im Publikum eines natürlichen Todes – und jeder regt sich darüber auf. Wohnt dem nicht eine gewisse Ironie inne? Ich persönlich würde mich ja viel lieber in einer gut gemachten Operette zu Tode freuen oder während einer großen Sinfonie an einem geliebten Ort im Kreise von Gleichgesinnten mit einem Paukenschlag aus dem Leben scheiden als mich langsam siechend aus dem Leben zu stehlen. Und ist es nicht phantastisch, dass die älteren Menschen heute so lange in Konzert, Theater oder die Oper gehen, wie sie können? Dass sie teilhaben an der Gesellschaft, statt nur einsam hinter dem Ofen zu hocken? Sie pflegen soziale Kontakte, unterhalten sich angeregt und denken über tagesaktuelle Themen nach. Selten laufen ältere Menschen zu so einer solch atemberaubenden Lebendigkeit auf, als wenn sie von Sängern schwärmen oder sich über Inszenierungen aufregen.

Von wegen elitär

Elitär seien sie, die Klassikbesucher und die Klassikveranstalter. Das stimmt. Jedenfalls zum Teil: Eine Opernproduktion ist eine teure Angelegenheit. Politisch gefordert ist, dass bei Produktionen von Stadttheatern und Kulturorchestern ein immer größerer Teil der Kosten von den Besuchern zu leisten sei – das jedenfalls ist die logische Konsequenz aus den (regional unterschiedlichen) kontinuierlichen Einsparungen und den steten Forderungen nach Erhöhung der Eigenfinanzierungsquote möglichst bei gleichzeitig steigender Qualität. Ergo: Tickets müssen immer teurer werden. Sie werden von Menschen gekauft, die es sich leisten können. Und das sind tatsächlich in vielen Fällen die Senioren.

Und ja: es gibt sie wirklich, die Connaisseurs, die allzu gern mit ihren Fachkenntnissen hausieren gehen und gleich in Ohnmacht fallen, wenn man noch nie die „Holländer“-Aufnahme mit Fischer-Dieskau gehört hat oder die mitleidig die Augenbraue heben, wenn man beim Codewort „BWV 248“ nicht gleich „Jauchzet, frohlocket“ summt. Das hat aber selten etwas mit dem Alter, sondern viel mehr mit dem Charakter zu tun. Unvergessen ist für mich eine schreiend komische Inszenierung des „Barbier von Sevilla“, in der mich ein strenges Ehepaar mittleren Alters maßregelte, in der Oper würde nicht gelacht.

Als Musikjournalist für die Leipziger Volkszeitung habe ich vor einigen Jahren die unterschiedlichsten Konzertformate und -genres besucht. Und ich kann Ihnen sagen: Nerds gibt es überall. Für manchen Fan hat man in Konzerten von Mireille Matthieu nur dann eine Daseinsberechtigung, wenn man(n) im kleinen Schwarzen und Bubikopfperücke auftaucht. Wer einmal gesellschaftliche Ausgrenzung erleben möchte, sollte bei einer Aufführung der „Rocky Horror Picture Show“ das Toilettenpapier mal an der falschen Stelle durch den Raum werfen, bei André Rieu das kollektive Donauwalzer-Gurgeln verweigern, bei Marianne und Michael das rhythmische Klatschen sabotieren oder bei Celine Dion die stehenden Ovationen. „Behaupte jetzt nicht, du hast keine Ahnung, wo du während des WM-Finales warst“, war die Frage eines Fußball-Fans, die ich als Sportunkundiger durchaus auch als sehr elitär empfunden habe.

Elitärem Gehabe kann man übrigens ganz einfach mit simplen Fragen begegnen: „Erkär’s mir!“ Egal ob Sport oder Klassik: Es wird im Idealfall ein Gespräch entstehen über die Dinge, die wir lieben und die für uns lebenswichtig sind. Manchmal stellt sich dann übrigens auch heraus, dass der Nerd doch nicht so gut Bescheid weiß, wie er vorgab. Im Idealfall springt dann die Begeisterung über und zwei Freunde haben sich gefunden.

Das Unvermeidliche: die Statistik

Wir wissen gut über unsere Publikum Bescheid. Es ist relativ alt, eher weiblich und bildungshoch. Wie beim Essen oder gutem Wein ändern sich offensichtlich auch bei Musik im Laufe der Jahre die Geschmäcker. Statistisch erwiesen ist, dass die Zuwendung zu klassischer Musik im Alter zunimmt, während die Zuwendung zu Rock und Pop abnimmt.

„Hört doch endlich auf zu jammern“ titelt Volker Hagedorn sehr treffend in der ZEIT und räumt mit so manchem Vorurteil auf. Ohnehin sollten wir Kulturveranstalter uns vielleicht ab und zu auch mal weigern, uns den schwarzen Peter zuschieben zu lassen. Wir sind nicht schuld am demographischen Wandel. Es ist logisch, dass, wenn der Anteil der Senioren an der Gesamtbevölkerung wächst, auch der entsprechende Anteil im Publikum wachsen muss. Wir können auf Veränderungen reagieren, aber wir sind nicht dafür verantwortlich, dass sich das Arbeitsleben so geändert hat, dass ein Theaterbesuch zumal an einem Wochentag geradezu unmöglich wird – an den Abschluss eines Abos gar nicht zu denken! Wir sind ebenfalls nicht dafür verantwortlich, dass kulturelle Bildung und kulturelle Fertigkeiten wie Malen und Singen in vielen Schulen nicht mehr ausreichend vermittelt werden und somit die Hinwendung zur Klassik fast ausschließlich vom Elternhaus abhängt. Die Aktivitäten im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit haben in den letzten Jahrzehnten massiv zugenommen. Kaum eine Berufsgruppe hat derzeit so gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt wie Musikvermittler und Musik- bzw. Theaterpädagogen. Umgekehrt gab es wahrscheinlich noch nie so viele Angebote für Kinder- und Jugendliche. Insofern machen wir schon vieles richtig.

Was in der öffentlichen Diskussion viel zu selten erwähnt wird: „Keine andere Musikart vermag also so viel altersmäßige Verschiedenheit im Konzertsaal zu vereinigen wie die klassische Musik“ ist ein wichtiges Fazit der Studie „Konzertpublika – Sozialstruktur, Mentalitäten, Geschmacksprofile“ aus dem Jahr 2008.


Die gute Nachricht ist also, dass sich im Konzertsaal oder im Opernhaus die unterschiedlichsten Generationen treffen und austauschen – zumindest die mit höherer Bildung.

Seltsam finde ich übrigens, dass meiner Empfindung nach einseitig die Senioren in den Fokus einer Zielgruppenbetrachtung gerückt werden. Oder hat sich jemals jemand darüber beschwert, dass es auf öffentlich geförderten Half-Pipes oder in Soziokulturellen Zentren verhältnismäßig wenige Rentner gibt?

Und wie geht’s jetzt weiter?

Wir Kulturveranstalter werden in Zukunft noch viel flexibler reagieren, mehr Experimente wagen müssen mit unterschiedlichen Uhrzeiten, Orten, Formaten. Wir müssen über Übertragungen nachdenken und vielleicht sogar über Streaming-Dienste und Mediatheken. Wir müssen Konzert- und Opernhäuser für die Gesellschaft der Zukunft bauen und nicht für die der Vergangenheit. Ab und zu aber müssen wir auch kämpfen wie die Löwen, um den Kern unserer Kunst zu bewahren, ihn nicht verwässern zu lassen vom schnelllebigen Zeitgeist, einer von Finanznöten gesteuerten Kulturpolitik oder auch den vermeintlichen Erlösern aus den eigenen Reihen, die sich später eher als Luftnummern entpuppen.

Und was ist mit den Alten? Schwer zu sagen, denn sie sind so diversifiziert wie die Jungen auch. Es gibt fantastische Alte: offen, begeisterungsfähig, streitbar. Es gibt natürlich auch desinteressierte Alte. Mit mehr oder weniger Bildung. Und dann gibt es die vermeintlichen Retter der abendländischen Kultur, die gleich Schnappatmung bekommen, wenn sich etwas ändert. Veränderungen sind aber unvermeidlich. Denn sicher ist allein, dass die Alten von morgen ganz andere Bedürfnisse haben werden als die Alten von heute.

Das Verhalten des Publikums heute orientiert sich noch immer an Normen des 18. und 19. Jahrhunderts. Im Rahmen meiner Tätigkeit im europäischen Stipendiatenprogramm eeemerging stelle ich fest, dass junge Ensembles heute schon in anderen Dimensionen denken. Einfaches Abspulen von Einheitsrepertoire vor paralysiertem Auditorium interessiert sie nicht mehr. Sie wollen das Publikum einbinden. Das verlangt aber auch mehr von den Zuschauern. Mucksmäuschenstill und stocksteif auf seinen Platz genagelt zu sein, reicht dann nicht. Es wird also auch für den Zuschauer anstrengender. Er wird sich öfter und vielleicht auch lauter äußern müssen. Die Emotionen wird also zukünftig der Besucher nicht mehr in sich verschließen können. Raus damit!

Veränderungen hat es aber schon immer gegeben, ohne dass das Theater verschwunden wäre. Gestern erst las ich einen Artikel über eine extreme Veränderung des Publikumsverhaltens zwischen 1700 und 1800. Darin findet sich auch ein Zitat des französischen Schriftstellers Denis Diderot, der sich über die Tatsache beklagt, dass Mitte des 18. Jahrhunderts an der Pariser Oper und der Comédie Française Soldaten eingesetzt wurden, um das Publikum zu zähmen: „Vor fünfzehn Jahren noch waren Theater Orte des Tumults. Die kühlsten Köpfe erhitzten sich beim Betreten und die vernünftigsten Männer verfielen dem Wahnsinn. Man erregte sich, war aufgewühlt, rempelte sich an; die Seele war außer sich. Und doch kenne ich keinen Zustand, der für den Dichter vorteilhafter wäre. Das Spiel begann nur mit Mühe und wurde oft unterbrochen; doch kam da nicht eine schöne Stelle vor? Dann gab es einen unfassbaren Aufruhr, ohne Ende wurden Zugaben gefordert, man spürte eine Begeisterung für den Autor, den Schauspieler und der Schauspielerin. Der Funke sprang vom Parkett auf den Rang über und von dort auf die Logen. Man kam hitzköpfig an und ging berauscht nach Hause; einige besuchten Mädchen, andere zerstreuten sich in der Gesellschaft. Es war wie ein Gewitter, das sich in der Ferne auflöst und von dem lange noch ein leichtes Donnergrollen nachhallt. Voilà le plaisir. Heute kommt man kalt an, hört kalt zu, geht kalt nach Hause – und ich weiß nicht, wohin man geht.“ (Übersetzung: Tobias Wolff)

Ob ein Delirium des Publikums, eine z.T. lautstarke Anteilnahme wohl in Zukunft irgendwann wieder einmal Standard sein wird? Ich kann keine Prognose wagen, würde es mir aber manchmal durchaus wünschen.

Von den Medien wünsche ich mir, dass sie der Versuchung widerstehen, funktionierende Systeme totzureden und sich vielmehr mit großen Visionen am Diskurs über die Zukunft des Theaters und der Klassischen Musik beteiligen.

Und was können die Alten selbst beitragen? Bleibt offen und streitbar. Bleibt jung im Kopf und freundet euch mit dem Wandel an. Nutzt eure Kontakte und nehmt die Politik in die Pflicht, damit Kunst und Musik in den Schulen wieder einen höheren Stellenwert bekommt. Dass es Orte gibt, die Kultur möglich machen. Vielleicht eine andere Kultur, als die, die ihr kennt. Die Essenz aber wird dieselbe sein.

Und die Jungen? Lasst die Alten einfach mal in Ruhe. Freut euch, dass sie lebendig und begeisterungsfähig sind und das Kulturleben stützen. Streiten wir uns lieber darüber, welche Kultur wir uns wünschen, wenn wir mal alt sind.

Tobias Wolff

Tobias Michael Wolff studierte Musikwissenschaft, Bratsche und Betriebswirtschaftslehre in Cambridge, Essen, Düsseldorf und Leipzig. Ab 2011 arbeitete er als freiberuflicher Autor für die Leipziger Volkszeitung und den Mitteldeutschen Rundfunk. Als Kulturmanager und Dramaturg arbeitete er für das Internationale Beethovenfest in Bonn, die Deutsche Oper am Rhein und war von 2006 bis 2009 Chefdramaturg und Leiter Marketing bei Theater & Philharmonie Thüringen (Altenburg-Gera). 2011 wurde Tobias Michael Wolff zum Geschäftsführenden Intendanten der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen ernannt. Die Projektkonzeption für „FamilienBande: Faramondo – eine Händel HipHOpera“, die Tobias Wolff gemeinsam mit Vera Lüdeck (LAG Rock) entwickelte, wurde 2013 mit dem Förderpreis Musikvermittlung prämiert. Die von ihm produzierten Opern „Faramondo“ und „Agrippina“ wurden 2015 und 2016 mit dem renommierten australischen Helpmann-Award ausgezeichnet. Sein besonderes Interesse gilt der Musikvermittlung und der Entwicklung neuer unkonventioneller Formate. Im Wintersemester 2016/2017 erhielt er einen Lehrauftrag im Fach Kulturmanagement am Musikwissenschaftlichen Institut der Georg-August-Universität Göttingen. Tobias Wolff ist regelmäßig als Juror bei internationalen Wettbewerben tätig und übt mit Leidenschaft diverse Mentorentätigkeiten, z.B. im Rahmen des von ihm mit-initiierten und von der EU geförderten Stipendienprogramms eeemerging aus.

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