„Ich fühle mich oft nicht angesprochen“

von Klaus Brandl

Klaus Thornagel im Interview

Klaus Thornagel weiß aus eigener Erfahrung, wie schwierig es ist, nach dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben, passende Möglichkeiten für gesellschaftliches Engagement zu finden. Im Interview spricht er unter anderem darüber, weshalb er viele Angebote an seine Altersgruppe als unpassend empfindet und warum er vor einigen Jahren zusammen mit einigen Mitstreitern die Initiative NEOKO gegründet hat.

 

 

Herr Thornagel, Sie befinden sich bereits in der Lebensphase, die durch die in Deutschland immer weitere gestiegene Lebenserwartung neu entstanden ist. Wie verlief Ihre erste Orientierung nachdem Sie das Arbeitsleben beendet haben?
 

Ja, diese Phase hat für mich begonnen. Anders als viele andere muss ich aber meinen beruflichen Ausstieg nicht an einen bestimmten Tag binden. Das ist ein großer Vorteil.
Vielen fällt die von Ihnen angesprochene Orientierung schwer. In der Jugend gab es Kümmerer in Form von Schule und Ausbildern, im Berufsleben gab es, wenn nötig, zum Beispiel die Agentur für Arbeit. Im Ruhestand ist dann jeder auf sich selbst gestellt.


Glauben Sie, dass die Lebensphase nach Ende des Berufslebens mit der Bezeichnung „Ruhestand“ heute noch den richtigen Namen trägt?


Nein, es ist ein neuer Lebensabschnitt mit neuen Aufgaben. Ich bin Senior, im Sinne einer positiven Definition des Wortes. Das Wort Ruhestand finde ich in seiner Grundaussage falsch, man sollte es streichen.


Was denken Sie, welche Auswirkungen eine längere Lebenszeit der Bürgerinnen und Bürger allgemein auf die Stadt Göttingen und die Region haben wird?


Allgemein kann ich das nicht beantworten. Längere Lebenszeit bedeutet ja nicht, dass alle nur länger leben. Das „Leistungsprofil“ oder die „Leistungsfähigkeit“ verschiebt sich ja ebenso. Der heute 70-Jährige lebt und fühlt sich wie vor 30 Jahren der 60-Jährige. Dieses Potential wird weder aktiv angesprochen noch aktiv genutzt.

 

Glauben Sie, dass die häufig angesprochene Altersarmut in der neuen Lebensphase eintreten wird? Sehen Sie Möglichkeiten, wie der Staat darauf reagieren kann oder steht am Ende jeder Betroffene allein vor seinem eigenen Scherbenhaufen?

 

Jeder nicht selbständig Erwerbstätige hat im Ruhestand mit finanziellen Einbußen zu rechnen. Ich auch. Viele Menschen  befinden sich im Alter schon heute in einer prekären Situation, ihre Gesamtzahl wird wohl zunehmen. In meinem Umfeld kenne ich einige. Ich bin aber kein Soziologe und kann daher nicht mit Statistiken aufwarten.

 

Können Sie sich gemeinschaftliches Wohnen in dieser Lebensphase vorstellen? Wenn ja, wie würden Sie sich so eine Wohnsituation im Idealfall wünschen?

 

Ein Bekannter hat den Vorschlag gemacht, eine Wohngemeinschaft zu gründen, – ähnlich dem Model von Henning Scherf in Bremen. Wir können uns damit aber noch nicht richtig anfreunden. Da ich auf dem Dorf aufgewachsen bin, wäre das ein mir zusagendes Wohnmodell. Die Bewohner müssen aber zusammen passen. Und auch die Infrastruktur muss zu meinem Älterwerden passen.


Wie stellen sich Göttingen und die Region Ihrer Meinung nach zur Zeit auf die längere Lebensdauer seiner Bewohnerinnen und Bewohner ein? Spielt die Demografie Ihrer Auffassung nach bei den Zukunftsplanungen bereits eine ausreichende Rolle?


Es gibt, so lese ich im Göttinger Tageblatt, einige Aktivitäten. Dabei fällt mir auf, dass in der Hauptsache „Wohnen im Alter“ und „ländliche Mobilität“ eine Rolle spielen. Ich fühle mich in meinem „Übergangsalter“ – so nenne ich das – damit nicht angesprochen. Ich fahre noch Auto, komme in meinem Haus gut zurecht, bin mobil und bin geistig und körperlich noch leistungsfähig.
Mit meiner neuen Zeitverfügbarkeit und meinem Wissen als Senior müsste meine Teilhabe eigentlich gesellschaftlich gefragt sein. Aus meiner Sicht gibt es  hier viele unerledigte Aufgaben. Doch niemand spricht  über die Möglichkeiten für meine Altersgruppe und holt mich ab. Keiner bietet mir und anderen in ähnlicher Situation Anlaufstellen, Angebote und Orientierung in dieser neuen, nachberuflichen Lebensphase. So muss ich  mich selbst kümmern. Aber: Können und machen das alle? Der Übergang in den Ruhestand erfolgt allein, mit dem wohlgemeinten Schulterklopfen „Mensch, du hast es geschafft“. Auch die berühmte Frage „wie lange musst Du noch arbeiten?“ gehört dazu.
Die oder der Schulterklopfende verkennt oft die Lage dessen, der einen Abschnitt von mehr als 30 bis 40 Jahren auf Dauer verlässt – oder gesetzlich geregelt „verlassen muss“.


Wie sollten aus Ihrer Sicht notwendige Veränderungsprozesse gestaltet werden, um alle Generationen mitzunehmen?


Meine Bitte ist es, hier altersgruppenspezifisch zu diskutieren, und nicht „das Alter“ in einen großen Topf werfen. Da gibt es noch Stufen. Nicht jeden Senior spricht jedes Angebot an. Auch wenn das Wort „Zielgruppe“ hier gedanklich in die falsche Richtung führen kann, wünsche ich mir eine zielgruppengerechtere Aufbereitung und Ansprache. Nur so kann das Abholen und Mitnehmen von Menschen in dieser Lebensphase gelingen. Jeder Mensch hat unterschiedliche Bedürfnisse, außerdem muss ein Nutzen angeboten werden.


Haben Sie das Gefühl, in dieser Lebensphase des beruflichen Ruhestandes völlig frei in Ihrer persönlichen Planung zu sein?


Nein, auch für mich gibt es Leitplanken. Ich darf aber, und das ist neu, meine Zeit, mein Wissen und meine Erfahrung nun außerhalb des bisherigen beruflichen Korsetts neu bewerten. Ich bin ja nicht allein. Jährlich gehen im Landkreis Göttingen rund 3.000 Menschen in den Ruhestand – oder besser „in eine neue Lebensphase“.
Wie viele haben schon eine Idee für diese Phase, wie viele nicht? In meinem Umfeld kenne ich einige die sich gerne zum Entdecken neuer und interessanter Aufgaben passend zu ihren Bedürfnissen, informieren und austauschen wollen.
Da es keine Anlaufstelle für mich und andere in dieser neuen Lebensphase gibt – zumindest ist sie nicht sichtbar – hat eine kleine Gruppe, der ich angehöre, NEOKO, das Göttinger Senior Forum, ins Leben gerufen. Unter www.neoko.de finden Menschen, die sich in derselben Lebensphase wie ich befinden, Aufgaben und vielleicht auch Gleichgesinnte.


Ein mutiger Schritt, etwas Derartiges ins Leben zu rufen!


Meine Mitstreiterinnen und Mitstreiter und ich verweisen in diesem Zusammenhang gerne auf folgenden Spruch: „100% aller nie begonnenen Vorhaben gehen schief, 10% aller begonnenen Vorhaben gelingen. Also lass uns mal anfangen!“

 

Klaus Brandl

Klaus Brandl ist Leiter des Göttinger Luisenhofs. Er ist seit mehr als zwanzig Jahren in der Senioren- und Pflegebranche tätig und war unter anderem Stiftsdirektor im Göttinger GDA Wohnstift. Das Thema „Alter neu denken“ ist für ihn eine Herzensangelegenheit.

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