Göttingen lebt länger!

von Klaus Brandl

Eine Chance auf Mehrwert?

Man kann auch an seiner Tradition ersticken, denke ich manchmal, wenn ich auf Göttingen schaue. Die goldenen Stadtschätze Wissenschaft und Kultur gereichen zu Ruhm und Ehre. Mit einer gewissen Schwerfälligkeit jedoch fließt die Modernität ins übrige städtische Labyrinth und bleibt immer wieder an den Staumauern der Selbstzufriedenheit hängen.

 

Doch jetzt gibt es eine neue Chance auf mehr Modernität, die auf den ersten Blick allerdings eher als Bedrohung daher kommt. Göttingen wird älter, nicht die Stadt, nein, ihre Einwohner. Göttingen lebt länger. Die Lebenserwartung der Bürger hat sich deutlich erhöht und wird sich weiterhin erhöhen. Doch was fange ich an mit einem längeren Leben und was vor allen Dingen macht meine Stadt als meine Lebenswelt aus dieser gesellschaftlichen Mitgift?

 

Ich höre sie schon, die Propheten des demographischen Wandels, wie sie ohne Unterlass aus allen Rohren schießend das eintönige Gefecht gegen sich selbst gewinnen wollen. Sie häufen stetig mehr Wissen auf, ohne die Betroffenen ausreichend zu beteiligen. Manchmal scheint es mir so, als wenn man auch hier versucht, wie bei anderen gesellschaftlichen Problemlagen, die Existenz der neuen Alten einfach zu regeln, ja geradezu weg zu organisieren. Ich erlebe hier wenig Betroffenheit in der Frage nach der Verantwortung der Bevölkerung für sich selbst.
Die Altersbilder in den Köpfen aller Generationen stammen oft noch aus der Zeit als die meisten Menschen nicht älter als 75 Jahre wurden. Sie müssen in Frage gestellt werden. Opa und Oma sind heute andere als früher.
Der demographische Wandel ist in aller Munde und die Nase hat so mancher auch schon voll davon. Allen voran stehen Wirtschaft Geschäftswelt und Medien vor der Frage, wie sie diese neue „Zielgruppe“ eigentlich nennen sollen und welches Sortiment zu ihr passt – irgendwie sind sie nicht richtig zu fassen, die neuen Alten. Mal ehrlich, der Umstand eines solchen Bevölkerungswandels ist ja auch neu für uns alle, zumindest in diesem Ausmaß.

 

Ich komme zurück zu den Staumauern der Selbstzufriedenheit, die den Fluss der Modernität in Göttingen bremsen:
Bewegung entsteht durch Leidensdruck oder Faszination, habe ich mal gelernt. Ein echter Leidensdruck ist in der Frage des demographischen Wandels noch nicht wahrnehmbar, trotz der prognostizierten Altersarmut. Warum soll dann also nicht Faszination entstehen, wenn jeder sich ganz persönlich mit den Möglichkeiten des längeren Lebens auseinandersetzt. Dann wäre es naheliegend, den Mehrwert zusätzlicher, geschenkter Jahre zu erkennen.
Damit wäre auch ein Weg geebnet, dass es ein gemeinsames „ja“ zu den Chancen dieses gesellschaftlichen Wandels gibt. Göttingen lebt länger und sagt gemeinsam „ja“ zu diesem Mehrwert, der uns alle betrifft. Und wenn Sie wissen wollen, wie ich mir dieses Ja vorstelle, dann ist es ein emotionales „ja“, das die Menschen berührt und Energien freisetzt. Und wer sagt dieses Ja? Jeder, der für sich erkannt hat, welche Veränderungen dies für sein Leben mit sich bringt.
Doch solche Erkenntnisse wachsen eher nicht im Hinterstübchen, sondern brauchen im Vorfeld Grundlagen für eine konkrete Auseinandersetzung, die es unbedingt zu führen gilt. Welche das sind, darüber wird zu reden sein.

 

Packen wir also alle mit an, das Alter mehr in die Mitte der Gesellschaft zu rücken, Platz zu machen, für etwas, was jeder von uns morgen sein wird. Dann ist Göttingen modern, weil es in einer wichtigen gesellschaftlichen Frage dem Zeitgeist gefolgt ist und barrierefrei lebt von jung bis alt.

Klaus Brandl

Klaus Brandl ist Leiter des Göttinger Luisenhofs. Er ist seit mehr als zwanzig Jahren in der Senioren- und Pflegebranche tätig und war unter anderem Stiftsdirektor im Göttinger GDA Wohnstift. Das Thema „Alter neu denken“ ist für ihn eine Herzensangelegenheit.

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