„Gegenseitiges Verständnis muss gestärkt werden“

von Robin Kreide

Dinah Stollwerck-Bauer im Interview

Dinah Stollwerk-Bauer

Dinah Stollwerk-Bauer arbeitet als Rechtsanwältin in der Göttinger Kanzlei RKM. Von 2006 bis 2014 war sie Bürgermeisterin des Flecken Adelebsen und hat sich in dieser Tätigkeit intensiv mit der Veränderung der Demografie auseinandergesetzt.

 

 

Frau Stollwerck-Bauer, ist Ihnen bewusst, dass bedingt durch Ihre längere Lebenserwartung eine Lebensphase auf Sie zukommt, die Sie zusätzlich gestalten können?


Im Moment liegt das noch sehr weit von mir entfernt. Ich bin allerdings umgeben, von sehr aktiven Persönlichkeiten in der so genannten Dritten Lebensphase. Wenn mein „Unruhestand“ irgendwann auch mal so wird, dann wäre ich damit einverstanden.


Glauben Sie, dass die Lebensphase nach Ende des Berufslebens mit der Bezeichnung „Ruhestand“ heute noch den richtigen Namen trägt?


Nein, die heutigen Ruheständler bilden an vielen Stellen das Rückgrat der Gesellschaft. Sie leisten unheimlich viel in Vereinen, sozialen Einrichtungen und – sofern räumlich möglich – in ihren Familien. Der oft bis zur Hochaltrigkeit noch gute  Gesundheitszustand bei vielen Ruheständlern gibt ihnen die Möglichkeit, sehr lange aktiv zu sein. Und warum sollten sie das nicht nutzen?


Was denken Sie, welche Auswirkungen eine längere Lebenszeit der Bürgerinnen und Bürger allgemein auf die Stadt Göttingen und die Region haben wird?


Wir müssen natürlich die Herausforderungen meistern, die sich durch den demografischen Wandel ergeben. Das bedeutet, dass wir auch einen anderen Umgang mit Altenpflege und – ich nenne es mal so – Altenförderung brauchen. Die beruflichen Aufgaben müssen qualifiziert und auch besser bezahlt werden. Den Jüngeren von heute muss man frühzeitig ans Herz legen, dass sie sich Gedanken machen, wie sie den Lebensabend gestalten und finanzieren wollen, denn für die Nachfolgegeneration wird das immer schwieriger. Wir werden mehr Hochbetagte haben, dafür aber auch länger aktive „Rentner“, die ihr Umfeld mitgestalten und anderen helfen werden. Ich glaube, dass sich die Gesellschaft in einem kontinuierlichen Veränderungsprozess befindet. Aber man sollte darüber nicht immer Trübsal blasen, sondern lieber die Chancen angehen und mitgestalten. Stillstand ist Rückschritt, also ist es besser immer weiter nach vorne gehen.



Wissen Sie bereits, wie Sie Ihr Leben im Ruhestand verbringen möchten?


Das ist dann doch noch etwas zu lange hin … aber mir wird schon was einfallen.


Können Sie sich gemeinschaftliches Wohnen in dieser Lebensphase vorstellen? Wenn ja, wie würden Sie sich so eine Wohnsituation im Idealfall wünschen?


Ich finde Senioren-WGs interessant, auch wenn das Zusammenwachsen und Zusammenleben in einer WG sicher nicht mehr so einfach vonstatten geht wie zu Studentenzeiten. Aber auch kleine Wohnungen, in denen man Angebote für das entsprechende Alter abrufen und zunehmend auch Betreuungs- und Unterstützungsangebote hinzu buchen kann, finde ich sehr interessant. Die Altenwohnungen der Diakonie in Adelebsen sind dafür ein gutes Beispiel.


Wie stellt sich Göttingen und die Region Ihrer Meinung nach z. Zt. auf die längere Lebensdauer seiner Bewohnerinnen und Bewohner ein? Spielt die Demografie Ihrer Auffassung nach bei den Zukunftsplanungen bereits eine ausreichende Rolle?

 

Aus meiner vorherigen beruflichen Aufgabe als Bürgermeisterin des Flecken Adelebsen weiß ich, dass man sich schon lange in Göttingen und Umgebung intensive Gedanken um die Veränderungen der Demografie macht. Das Thema ist im Fokus und spielt beispielsweise auch bei der Neuaufstellung des Flächennutzungsplanes der Stadt Göttingen eine Rolle. Die Politik ist da aufmerksam und freut sich auch über Ideen aus der Bevölkerung.


Wie sollten aus Ihrer Sicht notwendige Veränderungsprozesse gestaltet werden, um alle Generationen mitzunehmen?


Der Erfolg liegt darin, allen Generationen das Vertrauen zu vermitteln, dass man sich ihrer Bedürfnisse annimmt. Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass eine Generation zu Gunsten der anderen vernachlässigt wird. Das gegenseitige Verständnis muss gestärkt werden, indem generationenübergreifende Projekte stets und wiederkehrend angeboten werden.


Haben Sie das Gefühl, in dieser auf Sie zukommenden Lebensphase des beruflichen Ruhestandes völlig frei in Ihrer Planung zu sein?


Das werden wir sehen. Dies hängt von vielen Faktoren ab, die ich heute noch gar nicht kenne.

 

Robin Kreide

Robin Kreide gibt gemeinsam mit Dagmar Pairan das Magazin in göttingen heraus, ein regionales Magazin für Menschen im besten Alter. Mit seinem Unternehmen Pairan + Kreide berät er außerdem Unternehmen und Institutionen rund um die Themen Öffentlichkeitsarbeit und Content Marketing.

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