EY ALTER: Lohnt sich der Besuch?

von Klaus Brandl

Eine Ausstellungskritik

Noch bis zum 31.08.2016 ist im Universum Bremen eine interaktive Sonderausstellung zu sehen, auf die Dagmar Pairan an anderer Stelle bereits hingewiesen hat.  Unter dem Titel „EY ALTER – du kannst dich mal kennenlernen“ will sie frische Impulse für Alter, Alltag und Arbeitswelt geben.
Klaus Brandl hat zusammen mit Till Duchatsch und Volker Leuckefeld die Ausstellung besucht. Das Fazit der Drei, die beruflich tagtäglich mit dem Thema Alter zu tun haben, fällt gemischt aus.

Klaus Brandl, Leiter des Göttinger Luisenhofs

Reibungsfläche fehlt

 

Modernste Präsentationstechnik und jede Menge technische Spielereien ist das erste, was mir ins Auge fällt. Ist „EY ALTER“ nur ein elektronischer Spielplatz? Und wenn ja, was wird hier gespielt?

 

Die Ausstellung ruft dem Besucher zu: „Probier dich aus, gewöhne dich an Parameter, die Auskunft über deine Leistungsfähigkeit geben und verstehe, dass effektive Teams zukünftig aus jungen und alten Mitarbeitern zusammengebaut werden.“ Der Besucher kann daher gleich mal üben, mit welcher Fachlichkeit und Erfahrung zum Beispiel ein Team beschaffen sein muss, das ein Fließband repariert, welches mitten in einer Produktionsspitze zum Stillstand gekommen ist. Die Lösung ist (wie immer in diesen Fällen): Es gehören „alt“ (Erfahrung) und „jung“ (Fachwissen und Dynamik dazu). So weit so bekannt.

 

Ich frage mich angesichts des Ausstellungstenors, dass jetzt auch Alte wieder gefragt sind: „Ist der Jugendwahn nun bald vorbei? Oder wird seine Zielgruppe nur erweitert?“ Es kommt mir so vor wie in der  Pharmaindustrie, wo freizügig je nach wirtschaftlichem Nutzen bestimmte Schwellenwerte für Erkrankungen hin und her geschoben werden. Mit anderen Worten: Der Senior, der gestern noch aussortiert wurde, ist heute viel leistungsfähiger als er denkt und deshalb wieder ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

 

Nachdem ich selber viele der elektronischen Leistungsbeweisspiele ausprobiert habe, entdecke ich Informationen zur Frage „ wie wird Alter in unterschiedlichen Ländern oder Kulturen bewertet.“ Eigentlich eine Interessante Frage, leider fehlt mir hier wie in anderen Ausstellungsbereichen das kritische Hinterfragen. Es geht ums Perfektionieren des Funktionierens, kommt es mir in den Kopf. Kein Gedanke daran, den älteren Menschen einmal ganzheitlich zu betrachten und zumindest zu erwähnen, dass es auch noch ein Leben außerhalb der Arbeit gibt. Hier wird auch keine Verantwortung für die Folgen von Arbeitsstress übernommen. Aber müssten nicht alle Seiten des Lebens, also auch die schädigenden, im Lichte des demographischen Wandelt neu betrachtet werden?

 

Ich setzte mich an einen zentralen Platz mitten in der Ausstellung und beobachte. Die Besucher, zwischen 10 und 60 Jahren alt, sind gut gelaunt unterwegs und werden ordentlich gefordert. Es mutet tatsächlich so an, als wäre ich in der Elektronikabteilung eines Freizeitparks gelandet. Verschweigen will ich nicht, dass es auch Besucher gibt, die die Ausstellung erkennbar als eine Art „Begreifplatz“ sehen wollen, an dem Fragen unserer Zeit gestellt werden.

 

Mercedes-Benz, das die Ausstellung zu großen Teilen finanziert, hat tatsächlich modernste Darstellungstechnik bemüht und die Ausstellung methodisch gut durchdacht. „Wir haben für euch den Zeitgeist verstanden, spielt doch einfach mit“, lautet die Botschaft.

 

Mein Fazit: Insgesamt trieft „EY ALTER“ vor Eigennutz der Wirtschaft (es geht um neue Arbeitskräfte) und enttäuscht, weil es viel zu glatt daher kommt. Ich hätte mir Stolpersteine gewünscht, damit die Chance nicht vertan wird, ein längeres Leben und mehr Leistungsfähigkeit auch in die soziale Gesundung unserer Gesellschaft umzumünzen.

Till Duchatsch

Till Duchatsch, Marketingleiter Stiemerling Senioren Residenzen in Northeim

Cabrio statt Cardio

 

Der Besuch war ernüchternd und belebend zugleich. Ernüchterung machte sich bei mir breit, weil die Ausstellung viele Informationen über das Alter und das Altwerden zusammengetragen hat, darin aber leider aber nur wenig Überraschendes zu finden ist. Ein Teil der Ausstellung ist interaktiv gestaltet und ermöglicht an 20 Stationen, die eigenen körperlichen und geistigen Fähigkeiten zu messen. Gut gedacht, aber doch wieder durch ein Punktesystem dem Leistungsgedanken unterworfen, der für mich so gar nicht zu einem neuen Altersbild, das die Ausstellung ja gerne vermitteln will, passt. Mir scheint die Intention der Macher ist es vor allem, messbare Potentiale des Alters aufzuzeigen. Schwer messbare oder wenig vergleichbare Faktoren werden nicht beleuchtet.

Belebend für mich war allerdings der Grundgedanke des interaktiven Bereiches, dass Alter auch einen natürlichen, spielerischen Aspekt hat. Alter kann (und sollte) auch die Themen Spiel und Spaß nicht ausklammern, sondern sie selbstverständlich einsetzen. So wie zu Kindertagen braucht Spielen ja Zeit. Und genau diese hat man vielleicht erst im Ruhestand wieder ausreichend zur Verfügung. Daher ist für mich die Inspiration der Ausstellung, dass mein Ruhestand ein „Spielstand“ wird. Das rechtfertigt am Ende dann doch fast die etwas sehr persönlich geratene Ansprache der Ausstellung: „EY ALTER“.

Volker Leuckefeld

Volker Leuckefeld, Leiter Soziale Dienste Luisenhof Göttingen

Gut für Schulklassen

 

Der erste Eindruck von „EY ALTER“: Interessante, ansprechende Aufmachung mit vielen spielerischen Elementen. Rasch wird die Kernbotschaft klar: Jedes Alter hat seinen Platz in der Arbeitswelt.
 
Ich bemerke, dass  auffällig viele Kinder zwischen 10 und 15 neben einer sonst sehr heterogenen Besucherzusammensetzung vertreten sind. Einzig die Altersgruppe ab 65 aufwärts war nicht präsent – schade!

Mein Fazit: Interessante Idee zur allgemeinen Heranführung an das Thema „Alter im beruflichen Kontext“. Die Ausstellung eignet sich – und das ist als ehrliches Lob gemeint –  gut zur Vor- bzw. Nachbereitung des Themas im Rahmen von Schulunterricht ab Klasse 9. Außerdem ist ihr Besuch ein schöner Event für Eltern und Großeltern mit Kindern und Enkeln – nicht nur an Regentagen. Definitiv nichts ist die Ausstellung für diejenigen, die sich mit dem Thema schon länger beschäftigen und inhaltlich neuen Input erwarten.

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