„Es muss immer um den einzelnen Patienten gehen“

von Robin Kreide

Professor Dr. Alfred Simon im Interview

Professor Dr. Alfred Simon

Der Medizinethiker Professor Dr. Alfred Simon ist Geschäftsführer der Göttinger Akademie für Ethik in der Medizin e. V. Mit Robin Kreide sprach er unter anderem über ethische Fragen, die mit einer alternden Gesellschaft auf uns zukommen.

 

 

Herr Professor Simon, unsere Gesellschaft altert im Moment rasant. Welche ethischen Fragen wird der demografische Wandel aus Ihrer Sicht in Zukunft aufwerfen?

Wenn wir uns die schnell wachsende Gruppe der Über-80-Jährigen anschauen, so stellt sich bei ihr – häufiger als in vielen anderen Altersgruppen – die Frage, welche Behandlung bei einer bereits starken körperlichen oder kognitiven Beeinträchtigung aus Sicht des Patienten im Einzelfall noch sinnvoll ist. Welche Therapie dient seinem Wohl? Und ab wann handelt es sich um eine medizinische Überversorgung? Denken Sie an einen demenziell erkrankten Menschen, der aufgrund von Komplikationen immer wieder aus seinem vertrauten Umfeld auf die Intensivstation eines Krankenhauses verlegt wird und bei dem diese Ortsveränderungen enormen psychischen Stress auslösen. Dient die Therapie in diesem Fall dem Wohl des Patienten, oder wäre es für ihn nicht besser, wenn er trotz des Risikos eines möglicherweise früheren Versterbens in seinem Umfeld bleiben könnte? Auf der anderen Seite muss mit Blick auf eine alternde Gesellschaft verhindert werden, dass es zu Unterversorgungen kommt, nach dem Motto: „Die oder der ist so alt, da macht eine entsprechende Therapie keinen Sinn mehr.“

Glauben Sie, dass es irgendwann zu einer Altersgrenze für bestimmte Behandlungen kommen wird und es etwa heißen wird „Ab 70 gibt es keine neue Hüfte mehr!“?

Nein, denn das Alter allein sagt wenig darüber aus, ob ein Patient von einem bestimmten Eingriff, wie z. B. einem künstlichen Hüftgelenk, profitieren wird. Einem 60-Jährigen, der vielleicht aufgrund zahlreicher anderer Erkrankungen eine sehr schlechte Prognose hat, einen solchen Eingriff zu ermöglichen, und auf der anderen Seite einer 80-Jährigen, die noch jedes Wochenende wandern geht, eine neue Hüfte zu verweigern, wäre nicht nur ethisch höchst bedenklich, sondern würde auch medizinisch und ökonomisch keinen Sinn machen.

Es geht also immer um den Einzelfall?

Ganz genau. Ungeachtet der Tatsache, dass wir uns auf der Ebene der Gesundheitspolitik sehr wohl der Frage stellen müssen, welche Medizin wir uns als Gesellschaft leisten wollen und können, muss es in der konkreten Therapieentscheidung immer um den einzelnen Patienten und seine Bedürfnisse und Wünsche gehen.

Abgesehen von der ethischen Diskussion zu den Herausforderungen des demografischen Wandels, scheint es, als würden ethische Fragen allgemein sowohl innerhalb der Medizinerschaft wie auch der Gesellschaft insgesamt eine wichtigere Rolle spielen als jemals zuvor.

In der Tat haben ethische Fragen seit Mitte des letzten Jahrhunderts kontinuierlich an Bedeutung gewonnen. Dies hing zum einen mit dem technischen Fortschritt in der Medizin zusammen. Neue Möglichkeiten wie die künstlich Beatmung oder die Dialyse ermöglichten es, das Überleben von Patienten auch in kritischen Situationen zu sichern. Sie warfen aber auch die Frage auf, ob alles, was technisch möglich ist, immer auch medizinisch sinnvoll und im Sinne des Patienten ist. Zum anderen setzte in dieser Zeit eine gesellschaftliche Bewegung ein, die ein stärkeres Selbstbestimmungsrecht der Bürgerinnen und Bürger propagierte. Für die Medizin hieß dies, dass eine stärkere Patientenautonomie eingefordert wurde. Auch unter den Medizinerinnen und Medizinern selbst wuchs in dieser Zeit das Bewusstsein für die individuellen Rechte der Patienten.

Angesichts der Möglichkeiten, welche die Stammzellenforschung oder die Entschlüsselung des menschlichen Genoms zukünftig bieten werden, kann man sich die Frage stellen, ob Medizin irgendwann überhaupt noch ethisch beherrschbar sein wird.

Rückblickend muss man sagen, dass bei vielen Themen die ethische Debatte der technischen Entwicklung hinterherhinkte. Bei anderen Thema wie z. B. dem therapeutischen oder reproduktiven Klonen war es aber genau umgekehrt: Hier wurde öffentlich über die ethische Zulässigkeit der Verfahren diskutiert, noch bevor diese technisch überhaupt möglich waren. Auch in anderen medizinischen Bereichen machen wir uns Gedanken darüber, wie wir heute noch nicht entwickelte Techniken zukünftig handhaben wollen. Das ist eine wichtige Voraussetzung, um einen aus ethischer Sicht vertretbaren Umgang mit ihnen zu finden.

Im Zusammenhang mit ethischen Diskussionen über neue medizinische Techniken hört man immer wieder das Argument: „Wenn wir es nicht tun, tun es andere.“ Was setzen Sie dem entgegen?

Ich halte dies für ein überaus schwaches Argument. Außerdem trifft es auf viele Themen gar nicht zu. So ist etwa das reproduktive Klonen weltweit geächtet.

In anderen Bereichen gibt es einen derartigen Konsens aber nicht.

Das stimmt. Bei der Stammzellenforschung etwa hat Deutschland seinen eigenen Weg gewählt und handhabt diesen restriktiver als andere Länder. Dass es auf medizinethische oder bioethische Fragen in unterschiedlichen Ländern unterschiedliche Antworten gibt, halte ich jedoch für sehr wichtig, weil es einen lebendigen Dialog befördert. Dieser Dialog kann einige Länder vor einer zu konservativen Haltung bestimmten Themen gegenüber bewahren und andere wiederum vor einer zu unkritischen Haltung schützen.

Sie haben sich im Rahmen Ihrer Forschung viel mit der Situation von Ärzten im Zusammenhang mit dem Thema Sterbehilfe beschäftigt. Im letzten November hat der Bundestag das Thema gesetzlich noch einmal neu geregelt. Bringen Sie uns doch bitte auf den aktuellen Stand.

Das im November beschlossene Gesetz verbietet die geschäftsmäßige Suizidhilfe. Erklärtes Ziel des Gesetzgebers war es, damit die organisierte Suizidhilfe durch Sterbehilfevereine und einzelne Sterbehelfer zu unterbinden. Weiterhin zulässig ist die Hilfe zu einem freiverantwortlichen Suizid, die im Einzelfall aus Gewissensgründen erfolgt. Ungeachtet der neuen strafrechtlichen Regelung ist es Ärzten berufsrechtlich verboten, Suizidhilfe zu leisten.
Von der neuen gesetzlichen Regelung nicht erfasst sind die Tötung auf Verlangen und der Behandlungsabbruch. Die Tötung eines Patienten auf dessen Verlangen ist in Deutschland, anders als etwa in den Niederlanden, ausnahmslos verboten. Zulässig ist es hingegen, auf mögliche lebenserhaltende Maßnahmen wie z. B. die künstliche Beatmung, die künstliche Ernährung oder kreislaufstabilisierende Maßnahmen zu verzichten, um damit dem Wunsch des Patienten entsprechend dessen Sterben zuzulassen. Lehnt ein Patient solche Maßnahmen ab oder hat er seine Ablehnung vorab z. B. in einer Patientenverfügung verfügt, so sind die Ärzte an diesen Wunsch gebunden. Dies gilt nicht nur für das Unterlassen, sondern auch für das Beenden lebenserhaltender Maßnahmen.

Neben der Sterbehilfe hat das Thema Patientenverfügung die deutschen Gemüter in den letzen Jahren immer wieder bewegt. Wie beurteilen Sie hier die aktuelle Situation?

Im Vergleich zu anderen Ländern haben wir in Deutschland eine sehr komfortable Situation: Die gesetzlichen Regelungen sind praxisnah und praktikabel. Auch die Abwägung zwischen Patientenautonomie und Fürsorgepflicht des Arztes halte ich für gelungen. Das Problem ist nur, dass nach wie vor wenige Menschen eine Patientenverfügung erstellt haben. Außerdem sind viele Patientenverfügungen sehr vage formuliert, was dann in der Praxis mitunter dazu führt, dass Angehörige unterschiedlicher Meinung sind, wie die Aussagen der Patientenverfügung mit Blick auf die aktuelle Behandlungssituation zu verstehen sind.

Was kann die oder der Einzelne besser machen?

Man sollte sich beraten lassen und man sollte Angehörige mit einbeziehen. Außerdem sollte man die Patientenverfügung mit einer Vorsorgevollmacht kombinieren, sodass der Angehörige, den ich vorher über meine Vorstellungen informiert habe, Bescheid weiß und im Fall der Fälle, wenn mir dies selbst nicht mehr möglich ist, an meiner Stelle Entscheidungen treffen kann.

 

Robin Kreide

Robin Kreide gibt gemeinsam mit Dagmar Pairan das Magazin in göttingen heraus, ein regionales Magazin für Menschen im besten Alter. Mit seinem Unternehmen Pairan + Kreide berät er außerdem Unternehmen und Institutionen rund um die Themen Öffentlichkeitsarbeit und Content Marketing.

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