Ehrenamt in Gottes Namen

von Robin Kreide

Dr. Corinna Morys-Wortmann und Gunda-Marie Meyer im Interview

Dorfkirche

Die Zahl der Ehrenamtlichen in der katholischen und evangelischen Kirche ist groß. Doch wie hat sich die Bereitschaft, sich zu engagieren, in den letzten Jahren entwickelt? Und wie können neue Ehrenamtliche zur Mitarbeit gewonnen werden? Robin Kreide sprach bei einer Tasse Kaffee über diese und andere Fragen mit zwei Menschen aus der Region, die sich schon lange ehrenamtlich in der Kirche engagieren: Dr. Corinna Morys-Wortmann und Gunda-Marie Meyer.

 

 

 

Frau Meyer, Frau Morys-Wortmann, wie hat sich in den letzten Jahren die Zahl der Ehrenamtlichen in der Kirche entwickelt?


Meyer: Mit genauen Zahlen kann ich leider nicht dienen, aber aus eigener Beobachtung kann ich sagen, dass sich die Gesamtzahl in der Region über die letzten Jahre nicht verändert hat. Was man aber am großen Interesse für die Arbeit mit Geflüchteten im Jahr 2015 auch von Menschen, die sich bislang noch nicht engagiert hatten, gut sehen konnte: Es gibt große Bereitschaft für diakonische Arbeit, also für jene ehrenamtlichen Bereiche der Kirche, bei denen es um die Arbeit mit Menschen geht. Ehrenamtliche für die Arbeit in Gremien wie etwa den Kirchenvorständen zu gewinnen, fällt deutlich schwerer.

Morys-Wortmann: Das erlebe ich bei uns in der katholischen Kirche genau so wie Gunda-Marie Meyer. Auch bei uns ist das ehrenamtliche Interesse an der Arbeit mit Menschen besonders groß. Hierzu gehört auch seit vielen Jahren die Vorbereitung von Kindern und Jugendlichen auf Erstkommunion und Firmung durch Ehrenamtliche.
Für mich hat die Bereitschaft zum Engagement im Rahmen der Flüchtlingshilfe außerdem noch einmal gezeigt, dass Menschen sich heute besonders gerne zeitlich befristetet oder punktuell engagieren.

Die katholische Kirche sucht im Moment sehr langfristig Engagierte für die sogenannten „Teams gemeinsamer Verantwortung“. Was hat es damit auf sich?


M-W: Die Idee dahinter ist, insgesamt mehr Verantwortung auf die einzelnen Kirchorte zu verlagern. Ein katholischer Priester ist aufgrund zahlreicher Zusammenlegungen in den letzten Jahren heute ja für mehrere Kirchorte in einer Pfarrei zuständig. Er kann sich also nicht mehr so intensiv wie früher um jede einzelne Gemeinde vor Ort kümmern. Die Teams gemeinsamer Verantwortung bestehen aus besonders geschulten Ehrenamtlichen, die den spezifischen Bedarf vor Ort kennen und selbst zu weiten Teilen Verantwortung für das kirchliche Leben am Kirchort tragen.

Gelingt es, ausreichend Ehrenamtliche hierfür zu finden?

M-W: In den ländlichen Gemeinden fällt es leichter als in Göttingen, weil sich diese seit jeher mehr um sich selbst kümmern mussten und es dort deshalb oft bereits Menschen gibt, die sich etwas derartiges zutrauen. Allerdings werden die Ehrenamtlichen nicht unvermittelt auf diese anspruchsvolle Aufgabe losgelassen, sondern mit Schulungen intensiv vorbereitet. Und auch die Hauptamtlichen werden gezielt darauf vorbereitet, die ehrenamtlichen Teams zu unterstützen und zu begleiten.

M: Für mich ist die Möglichkeit, Fortbildungen innerhalb des Ehrenamtes machen zu können, eine wichtige Voraussetzung, um Menschen für das Ehrenamt zu gewinnen. Hierdurch kann die Kirche zeigen, dass sie sich ihrer Verantwortung dafür bewusst ist, dass die Ehrenamtlichen nicht überfordert werden.
Außerdem müssen Ehrenamtliche meiner Ansicht nach wissen, dass sie, wenn sie etwa die Leitung einer Kindergottesdienstgruppe übernehmen, in diesem Bereich dann ein gewisse Gestaltungsfreiheit haben. Sie müssen sich aber auch sicher sein können, dass sie, wie Corinna Morys-Wortmann das für die Teams gemeinsamer Verantwortung geschildert hat, Unterstützung durch die Hauptamtlichen bekommen, wenn sie dies wünschen.

 

Wie gewinnt man am besten aktiv neue Ehrenamtliche?

 


M-W: Aus meiner Sicht durch die direkte Ansprache. Ein persönliches Gespräch ersetzt viele Flyer und Aufrufe im Internet. Wenn man bewusst auf neue Menschen zugeht, vermeidet man außerdem den altbekannten Fehler, immer wieder dieselben anzusprechen und sie neben der Gestaltung des Kindergottesdienstes gleich auch noch nach einem selbstgebackenen Beitrag für das Kuchenbüffet beim Sommerfest zu fragen.

M: Genau. So etwas müssen wir unbedingt vermeiden, denn auf diese Weise überfordern wir die Ehrenamtlichen ganz schnell und werden sie auf lange Sicht verlieren. Und die Kirche braucht sie dringend: In der evangelischen Landeskirche liegt das Verhältnis von Ehrenamt zu Hauptamt bei 4 zu 1.
Auch ich halte das persönliche Gespräch für das wichtigste Mittel, um jemanden für die Arbeit in der Kirche zu interessieren. Es darf dabei nicht ein allgemeines Gespräch über ehrenamtliches Engagement sein. Vielmehr muss ich darin deutlich machen, weshalb ich glaube, dass die oder der Angesprochene genau die oder der Richtige für eine bestimmte Aufgabe ist. Ich muss also zeigen, dass ich sie oder ihn als Mensch mit seinen individuellen Stärken sehe. Das hat für mich auch etwas mit Wertschätzung zu tun, die man generell allen Ehrenamtlichen entgegenbringen muss.


Wie sieht es aktuell mit der Verteilung zwischen Frauen und Männern beziehungsweise Jung und Alt aus?


M-W: Wir haben bei uns in der Gemeinde einmal im Jahr ein Dankeschön-Essen für alle Ehrenamtlichen. Wenn man dabei in die Runde schaut, sieht man, dass sich Frauen und Männer in etwa die Waage halten. Was ich aber über die Jahre beobachtet habe, ist, dass sich Frauen und Männer unterschiedlich stark in einzelnen Bereichen engagieren. Doch so wie sich unsere Gesellschaft verändert, verändert sich auch im kirchlichen Ehrenamt viel. Es durchmischt sich mehr und mehr.

M: Der zweite Teil der Frage zielt ja auch darauf ab, wie wir noch mehr Jüngere für das Ehrenamt begeistern können. Das ist zugegebenermaßen nicht einfach. Bei der Generation „30plus“ beobachte ich, dass sie ein sehr viel geringeres Zeitkontingent für das Ehrenamt hat als es meine Generation in ihrem Alter hatte. Das liegt unter anderem daran, dass in jungen Familien heute in der Regel beide Ehepartner berufstätig sind. Doch statt uns zu beklagen, dass die Generation schwerer für das Ehrenamt zu erreichen ist, sollten wir aus meiner Sicht zunächst versuchen, noch viel besser zu verstehen, wie diese Generation genau tickt.


Was motiviert eigentlich Sie beide, sich ehrenamtlich zu engagieren?


M: Zum einen die Möglichkeit, etwas gestalten zu können. Zum anderen sind es die vielfältigen Begegnungen mit anderen Menschen, die mich für mein Engagement belohnen und mich immer wieder aufs Neue motivieren.

M-W: Bei mir könnte man die Frage ja erweitern und fragen, was mich denn  dazu motiviert, mich als Frau in der katholischen Kirche zu engagieren. Ich begreife mein ehrenamtliches Engagement in den Gremien als große Chance, in einer hauptamtlich von Männern dominierten Kirche etwas bewegen zu können. Das treibt mich an.

 

Gunda-Marie Meyer

Gunda-Marie Meyer

Gunda-Marie Meyer ist erste Vorsitzende des (evangelischen) Göttinger Kirchenkreistages.

Dr. Corinna Morys-Wortmann

Dr. Corinna Morys-Wortmann

Dr. Corinna Morys-Wortmann ist zweite Vorsitzende des (katholischen) Dekanatspastoralrates.

Robin Kreide

Robin Kreide gibt gemeinsam mit Dagmar Pairan das Magazin in göttingen heraus, ein regionales Magazin für Menschen im besten Alter. Mit seinem Unternehmen Pairan + Kreide berät er außerdem Unternehmen und Institutionen rund um die Themen Öffentlichkeitsarbeit und Content Marketing.

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