Der Traum von der Freiheit

von Klaus Brandl

Klaus Brandl im Interview

Ein Ziel diese Blogs ist es, unterschiedliche Sichtweisen auf das Alter zu ermöglichen. In den nächsten Monaten werde ich deshalb mit Bürgerinnen und Bürgern der Region über diese Fragen sprechen. Die Gespräche werden Sie in diesem Blog in Interviewform wiederfinden.


Von meinen Mitstreitern habe ich mich überzeugen lassen, mit gutem Beispiel voran zu gehen, mich ihnen als ersten Interviewpartner zur Verfügung zu stellen und selbst einmal Fragen zu meiner Sicht auf diesen Lebensabschnitt zu beantworten.

Herr Brandl, Ihnen ist bewusst, dass mit der Beendigung des Berufslebens auch auf Sie irgendwann eine Lebensphase zukommen wird, die Sie zusätzlich gestalten können. Gibt es für diese Zeit schon heute einen Plan? Oder werden Sie sich überraschen lassen?


Ich möchte auch dann noch maßvoll Verantwortung übernehmen und mit meinen Erfahrungen gerne soziale Entwicklungen unterstützen. Am wichtigsten ist mir allerdings, Menschen um mich herum zu haben, die mir gut tun. Ich bin jetzt 58 Jahre alt und arbeite bereits seit ein paar Jahren an meinem Zukunftsprofil. Meine Themen sind hier z.B., die Gesundheitsvorsorge, flexible berufliche Tätigkeiten, gesellschaftliches Engagement.


Glauben Sie, dass diese Lebensphase mit der Bezeichnung „Ruhestand“ den richtigen Namen trägt?


Der Trennstrich mit dem Namen „Ruhestand“, den das Ende der beruflichen Tätigkeit durch unser Leben zieht, ist nicht naturgegeben, sondern durch Regularien künstlich erzeugt. Da die neue Lebensphase eher aktiv geprägt sein wird, bleibt zukünftig höchstens noch eine gestrichelte Linie übrig, die durchlässig sein wird. Der Mensch ist in dieser Zeit zwar aktiv, aber nicht mehr ungestüm. Um dem Jugendwahn und dem Leistungsdenken zuvor zu kommen, würde ich diese Lebensphase positiver besetzen und anerkennend mit dem Begriff „Reifezeit“ benennen.

Welche Bedeutung hat ein längeres Leben für Sie?


Ein um die „Reifezeit“ verlängertes Leben bedeutet für mich Genuss, Erfahrung und Verantwortung. Der Ruhestand hat den Menschen eher beiseite gestellt. Die Reifezeit ist für mich eine Mischung aus mehr Selbstbestimmtheit und Verpflichtung zu einem gesellschaftlichen Beitrag. Die veränderte Alterspyramide erfordert ein gesellschaftliches Mitwirken in der Reifezeit. Wer meint, es wäre die Mallorcaphase des Lebens, der greift zu kurz.


Diskutieren Sie mit Ihnen nahestehenden Menschen über Ihr Leben im Alter und was steht dabei im Mittelpunkt?


Da steht die Frage im Mittelpunkt: „Was kann ich mir finanziell leisten und in welcher Weise kann ich noch angemessen tätig werden, um dies zu unterstützen? Es folgen Fragen nach der Wohnform, dem Wohnort, der Stabilität der Rentenversicherung der Gesundheitsvorsorge und Vielem mehr. Schnell wird in Diskussionen deutlich, wie komplex dieses Thema ist. Der eine fühlt sich dadurch animiert, die meisten geraten allerdings eher in eine Art Lähmung und neigen dazu, diese Fragen aufzuschieben. Es stellt sich heraus, dass der Umgang mit einer neuen Lebensform gelernt werden muss. Unterstützende Beratung gibt es zwar in Detailfragen, aber es fehlt die Gesamtbetrachtung.


Was denken Sie, welche Auswirkungen ein längeres Leben auf die Stadt Göttingen hat? Wie werden Sie mit Göttingen verbunden bleiben, wenn Göttingen nicht mehr ihr Arbeitsort ist?


Göttingen wird zukünftig „reich an Jahren“ und nicht „überaltert“ sein. Ich setze mich dafür ein, durch neue Sichtweisen mehr Wertschätzung für die Menschen in dieser neuen Lebensphase zu erzeugen und Solidarität zwischen den unterschiedlichen Altersgruppen herzustellen. Dazu ist ein offensiver Diskurs erforderlich, der diese Neuerung mit all seinen Facetten ins Bewusstsein ruft.
Außerdem wird es vor allem in den sozialen Bereichen der Reifezeit und der Hochaltrigkeit Aufgaben geben, die allein mit öffentlichen Mitteln nicht mehr zu bewältigen sind. Hier gilt es über Unterstützungs- und Anreizsysteme verstärkt nachzudenken.
Ich werde auch im Alter gerne mit Göttingen verbunden bleiben. Die Stadt strahlt eine gewisse Gelassenheit aus und erlaubt mir mit Muße meinen Alltag zu begehen. Die Studierdenden erinnern mich an meine Jugend und daran, dass ich immer noch ein Stück davon in mir trage.


Können Sie sich gemeinschaftliches Wohnen in dieser Lebensphase vorstellen? Wenn ja, wie würden Sie sich so eine Wohnsituation im Idealfall wünschen?


Schon immer geht es mir darum, Menschen in meiner Nähe zu haben, die hilfreich sind und mir gut tun. Wenn ich älter werde und meine Mobilität nachlässt, werde ich darauf angewiesen sein, die Wege so kurz wie möglich zu halten. Da ich noch nie in einer Wohngemeinschaft gewohnt habe, ist es für mich unklar, ob dies dann die adäquate Wohnform für mich sein wird. Die Knappheit der Versorgungskapazitäten für Menschen im Alter ist allerdings ein weiteres Argument, um mich mit gemeinschaftlichen Wohnformen auseinanderzusetzen. Neugierig darf man darauf sein, wie sich die technische Entwicklung auf das Thema „Nähe und Versorgung“ auswirken wird. Dem Internet traue ich da so einiges zu.


Wie würden Sie den Gewinn beschreiben, den die zusätzliche aktive Lebensphase im Alter mit sich bringt?


Menschen haben schon immer davon geträumt, ihr Leben zu verlängern. Am liebsten wäre uns allen ein Jungbrunnen, aber zusätzliche Jahre, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit aktiv gelebt werden können, sind doch auch willkommen. Es ist wie eine kleine Revolution mit positiven Vorzeichen. Die westliche Zivilisation ist Weltmeister darin, Neues nur all zu schnell ins bestehende System zu integrieren. Diese Errungenschaft der Reifezeit auf die Machbarkeitsebene zu beschränken, frei nach dem Motto: „Stell dir vor, wir leben länger und keiner denkt drüber nach“, wäre fatal, aber leider nicht unmöglich. Allein in der Jugend zu wissen, dass ich im Alter nochmal gestalten kann, dürfte das Lebensgefühl in positiver Weise verändern.

Welche Emotionen setzt die Vorstellung von einem längeren Leben bei Ihnen frei?

Ich werde die kleinen Dinge im Leben noch mehr genießen, weil ich mehr Zeit habe, sie zu entdecken. Der zusätzliche Freiraum hat für mich etwas Herausforderndes. Mein Pioniergeist kann sich mehr entfalten und die Übernahme sozialer Verantwortung erdet meine Kreativität. Insgesamt hoffe ich darauf, die Prioritäten in meinem Leben unabhängiger setzen zu können. Ich freue mich auch auf ein „Bin dann mal weg“ frei nach Hape Kerkeling.

Wie stellt Göttingen sich Ihrer Meinung nach auf die längere Lebensdauer seiner Bürger ein?

Göttingen hat ein engagiertes Sozialleben. Es gibt zum Thema „Demographischer Wandel“ eine Reihe von Initiativen, die gute Ideen zur zusätzlichen Lebensphase im Alter entwickeln. Wichtig wird sein, die Initiativen zu bündeln und die anstehenden Fragestellungen nicht nur unter verfahrenstechnischen Gesichtspunkten abzuhandeln. Der persönliche Kontakt zum Bürger sollte im Vordergrund stehen, damit Motivation entstehen kann.

Es gilt nicht nur Probleme zu lösen, sondern auch Chancen zu vermitteln.

Haben Sie das Gefühl, in dieser auf Sie zukommenden Lebensphase völlig frei zu sein?

Am Anfang steht bei mir der Traum von der Freiheit, von der Chance, von der Größe der Aufgabe, Leben in der Reifezeit anders gestalten zu können. Auch wenn mein Leben nicht neu erfunden wird, so hilft das Gefühl von Freiheit doch, Energie freizusetzen, um Bestehendes zu hinterfragen. Es ist, als ob ich von oben auf die neue Lebensphase schauen kann und dann langsam eintauche.

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Kommentar von der göttinger |

Den HInweis auf den nicht so passenden Begriff Ruhestand spriocht mir aus der Seele.
Ein bisschen zu kurz kommt für mich dass es auch Menschen gibt, die jeden EURO zweimalumdrehen müssen. Auch im Fall von Krankheit sind die "Wahlmöglichkeiten" im ALter oft stark eingeschränkt. Was ist mit den Betroffenen?