„Das Soziale Jahr sollte verpflichtend werden“

von Klaus Brandl

Armin Asselmeyer im Interview

Armin Asselmeyer

Armin Asselmeyer ist Geschäftsführer des Sanitätshauses o|r|t. Er arbeitet und wohnt in Göttingen und hofft, dass es ihm eines Tages gelingen wird für die letzte Lebensphase auf einen Business-Plan zu verzichten.

 

 

Herr Asselmeyer, Ist Ihnen bewusst, dass bedingt durch Ihre längere Lebenserwartung eine Lebensphase auf Sie zukommt, die Sie zusätzlich gestalten können?

Das Bewusstsein eine längere Lebenserwartung zu haben und damit gar noch einen weiteren Schluck aus „der Pulle des Lebens“ nehmen zu dürfen, ist bei mir noch nicht so ausgeprägt. Sicherlich ergeben sich später neue Freiräume. Ich werde mein Berufsleben zu gegebener Zeit ein Stück aufgeben und damit finden sich Möglichkeiten für neue Aktivitäten. Diese Freiräume womöglich auch noch weitestgehend gesund gestalten zu dürfen, würde ich als ein großes Geschenk betrachten.

 

Glauben Sie, dass die Lebensphase nach Ende des Berufslebens mit der Bezeichnung „Ruhestand“ heute noch den richtigen Namen trägt?

Die Bezeichnung Ruhestand empfinde ich derzeit als passenden Ausdruck für diese Lebensphase. In der Phase des Arbeitslebens wird alles Erdenkliche dafür getan, dass man arbeitsfähig und erwerbstätig bleibt. Es gibt ein Recht und auch eine Pflicht auf Prävention und zur Rehabilitation, um dem Arbeitsmarkt uneingeschränkt „erhalten zu bleiben“. Während des Erwerbslebens in Ruhe stehen zu bleiben -- das meint man ja wohl mit Ruhestand –  ist gesellschaftlich wenig toleriert. Während des Arbeitslebens ist es nicht gewollt, dass man „dem Staat auf der Tasche liegt“. Umso mehr erwächst daraus vielleicht der Wunsch, nach dem Erwerbsleben in Ruhe einmal stehen bleiben zu dürfen.
Interessanterweise glauben viele „Ruheständler“, für ihre Ruhephase genug Geld beim Staat angespart zu haben und somit ein Grundrecht auf Stehenbleiben erwirkt zu haben.
Wir täten gut daran, diese oft falsch verstandene Bezeichnung von “Ruhestand“ zu diskutieren. Wir würden dabei vielleicht ein neues Selbstverständnis für diese Lebensphase entwickeln und etablieren.

 

Was denken Sie, welche Auswirkungen eine längere Lebenszeit der Bürgerinnen und Bürger allgemein auf die Stadt Göttingen und die Region haben wird?

Die Babyboomer, grauhaarig und nicht mehr so agil, werden sicherlich das Stadtbild noch intensiver prägen. Angebote werden sich auf diese Zielgruppe ausrichten. Wenn die Göttinger Universitäten die Attraktivität erhalten, verbleibt in Göttingen aber dennoch auch eine junge Bevölkerung, sodass das Stadtbild weiterhin „bunt“ sein wird. Der verfügbare Wohnraum wird weiter begrenzt bleiben, wenn alleinstehende ihren großen Wohnraum nicht aufgeben, weil sie lieber allein leben wollen. Sicherlich wird die Finanzierung und das damit verbunden Angebot von Kultur und Freizeitangeboten abhängig sein von der Zahl der noch berufstätigen Menschen in Göttingen. Da ein Ungleichgewicht zu erwarten ist, könnte ich mir vorstellen, dass mehr finanzielle Beteiligung und Eigenverantwortung gefordert sein werden, damit diese Angebote erhalten bleiben. Das gilt ebenfalls für die medizinische Versorgung, die sicherlich aufgrund von Kostensteigerung und dem nicht mehr funktionierenden Generationenvertrag bei den Sozialkassen mehr als heute eine finanzielle Beteiligung eines Jeden von uns erforderlich macht.

 

 

Wissen Sie bereits, wie Sie Ihr Leben im Ruhestand verbringen möchten?

Es gibt da zwei Dinge, die ich nicht möchte: Erstens, ich möchte nicht einsam leben müssen, ohne Familie, Bekannte und Freunde. Zweitens, ich möchte nicht mit Schmerzen leben müssen. Ansonsten gibt es bei mir den großen Wunsch, ohne Gewalt und in Frieden leben zu dürfen.

 

Können Sie sich gemeinschaftliches Wohnen in dieser Lebensphase vorstellen? Wenn ja, wie würden Sie sich so eine Wohnsituation im Idealfall wünschen?

Ich lebe nicht allein und bin sehr privilegiert, da ich in einem Wohngebiet mit sehr guten Nachbarschaftskontakten gut aufgehoben bin. Diese Wohnsituation würde ich ungern verändern wollen. Die Lebensphase ist auf jeden Fall verbunden mit der Aufgabe, Kontakte zu pflegen und zu vertiefen.  
Ich denke, dass sich viel verändern würde, wenn meine Ehefrau als gemeinsamer kleinster Nenner meiner Lebensgemeinschaft ausfallen würde. Dann würde bei mir eine Lebensphase beginnen, in der ich das Leben in einer Art Wohngemeinschaft bevorzugen würde. Es sollte eine Gemeinschaft sein, in der Bewohner verbindlich vereinbaren für einander da zu sein. Nicht im Sinne von Pflegehilfe und anderen Hilfsdiensten, sondern mehr im Sinne von „liebevoll von Mitbewohnern umgeben sein“. Gute Gespräche und daraus resultierende Erkenntnisse, gemeinsame kulturelle und kulinarische Erlebnisse sollten den Tag bestimmen.

 

Wie stellt sich Göttingen und die Region Ihrer Meinung nach zur Zeit auf die längere Lebensdauer seiner Bewohnerinnen und Bewohner ein? Spielt die Demografie Ihrer Auffassung nach bei den Zukunftsplanungen bereits eine ausreichende Rolle?

Die Probleme der demographischen Entwicklung sind in der Quartiersplanung angekommen. In Gesprächen, die ich zu diesem Thema regelmäßig führe, wird deutlich, dass die hohe Anzahl an Singlehaushalten in Göttingen Fragen aufwirft. Nicht nur die Versorgung und die Lebensqualität von älteren Singles, die allein in den eigenen vier Wänden leben, stellt ein Problem dar. Weitere Probleme ergeben sich, wenn Menschen ohne Angehörige während eines ungeplanten Krankenhausaufenthaltes keine Vorsorge getroffen haben und z.B. in der Wohnung verbliebene Haustiere unbetreut bleiben. Es gibt den Trend, dass Menschen gern anonym in Wohnanlagen mit mehreren Wohneinheiten leben möchten. Der Kontakt zum Nachbarn wird dabei oft aktiv gemieden. Vereinsamung und fehlende Aufmerksamkeit für einander sind die Folge. Aus meiner Sicht ist eine funktionierende Nachbarschaft eine sehr gute Voraussetzung für ein zufriedenes Leben im Alter.
Was kann man diesem Trend von isolierten und nahezu anonymen Wohnformen entgegen halten? Wohngenossenschaften, Kulturverantwortliche, Soziologen in Quartieren, Verantwortliche aus Stadt und Landkreis Göttingen sind sich der Situation und der Herausforderung bewusst und arbeiten an solchen Themen schon heute.

 

Wie sollten aus Ihrer Sicht notwendige Veränderungsprozesse gestaltet werden, um alle Generationen mitzunehmen?

Es sind ja eigentlich die früheren Strukturen der Großfamilie, die uns heute fehlen, um diese Themen generationsübergreifend im Bewusstsein zu halten. Das Thema „Leben und Wohnen im Alter“ wird zukünftig immer mehr in Kindergärten und Schulen einen Platz finden. Dass verschiedene Generationen sich begegnen und Verständnis für einander entwickeln, muss inszeniert werden. Kinder und Schüler lernen viel in Projekten, die in Pflegeheimen und anderen sozialen Einrichtungen realisiert werden.
Ich bin im Übrigen ein Fan davon, das „Soziale Jahr“ gleich nach Schulende als Pflichtveranstaltung einzuführen. Und ich meine, dass das Ehrenamt auch in der Phase des ausklingenden Berufslebens eine größere Rolle bekommen sollte. Netzwerke lassen sich in der Phase sehr gut bilden und aufrecht erhalten. Themen wie „Einsamkeit im Alter“, Wohnformen und Bildung im letzten Lebensabschnitt können hier konstruktiv und mit Ideenreichtum und größerer Bürgerbeteiligung besser bewältigt werden.

 

Haben Sie das Gefühl, in dieser auf Sie zukommenden Lebensphase des beruflichen Ruhestandes völlig frei in Ihrer persönlichen Planung zu sein?

Wir tragen ein Leben lang auch Verantwortung für Angehörige und andere Menschen, daher gibt es immer auch Einschränkungen, sodass ich nicht ganz frei bin in meiner persönlichen Planung.
Ansonsten halte ich es mit Wilhelm Busch: „Aber hier, wie überhaupt, kommt es anders, als man glaubt“. Mein Gefühl sagt mir, ich täte gut daran, diese letzte Lebensphase nicht mit einem Businessplan zu belegen.

 

Klaus Brandl

Klaus Brandl ist Leiter des Göttinger Luisenhofs. Er ist seit mehr als zwanzig Jahren in der Senioren- und Pflegebranche tätig und war unter anderem Stiftsdirektor im Göttinger GDA Wohnstift. Das Thema „Alter neu denken“ ist für ihn eine Herzensangelegenheit.

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