Altes Rathaus Göttingen

Warum dieser Blog?

In den letzten Jahrzehnten hat sich unsere Lebenserwartung um fast dreißig Jahre erhöht. Dieser Zugewinn an Lebenszeit wird mit all seinen Chancen und Möglichkeiten immer noch wenig diskutiert. Nach wie vor hat das Alter ein eher schlechtes Image, und so dämmern die gewonnenen Jahre in einem gesellschaftlichen Vakuum dahin. Diesem Widerspruch wollen wir eine neue Sicht auf das Alter entgegensetzen und sie gemeinsam mit allen Generationen diskutieren.

„Das einzelne Dorf weiß selbst am besten, was es benötigt“

von Robin Kreide

Regina Meyer im Interview

Regina Meyer

Damit, wie es um die Bevölkerungsentwicklung und deren Folgen in der Region steht, beschäftigt sich die Demografiebeauftragte des Landkreises Göttingen, Regina Meyer.
Der von ihr in regelmäßigen Abständen verfasste Demografiebericht ist alles andere als eine reine Zahlensammlung. Sein Hauptanliegen ist vielmehr, die Herausforderungen zu benennen, die aufgrund der demografischen Veränderungen auf uns zu kommen, und Lösungen für die mit ihnen verbundenen Probleme aufzuzeigen.

 

 

Frau Meyer, fassen Sie doch bitte noch einmal kurz zusammen welche demografischen Veränderungen auf den Landkreis zukommen?

Die aktuellste Studie für den Landkreis Göttingen vor der geplanten Fusion mit dem Landkreis Osterode prognostiziert bis 2025 einen Bevölkerungsrückgang um rund achteinhalb Prozent. Von noch größerer Tragweite als der eigentliche Rückgang ist aber die Veränderung in der Altersstruktur der Bevölkerung. So werden im Landkreis Göttingen im selben Zeitraum die Zahl der 10- bis 18-Jährigen und der 35- bis 50-Jährigen um über 40 % zurückgehen. Die Gruppe der über 80-Jährigen wird hingegen um über 30 % ansteigen.
Das Potenzial, das eine derartig alternde Bevölkerung bietet, und die Herausforderungen, die im Bezug auf Pflege auf unsere Gesellschaft zukommen, sind dabei zwei Seiten derselben Medaille.


Das sind beeindruckende Zahlen, welche Instrumente hat der Landkreis an der Hand, um auf diese Entwicklung zu reagieren?

Wir können ein positives Bild vom Älterwerden unterstützen. Dass viele Menschen bei relativ guter Gesundheit so alt werden können, ist eine historisch neue Situation und ein Verdienst der Entwicklungen in der Medizin in den letzten Jahrzehnten, verbesserter Hygiene und gestiegenem Wohlstand. Nicht nur ich als Demografiebeauftragte, auch alle anderen Bereiche der Kreisverwaltung arbeiten an einem attraktiven, bürgerschaftlich aktiven und gut versorgten Landkreis. Durch das Demografiemanagement können Projekte stärker zusammengebracht werden. Zusammen mit den Gemeinden und Städte strebt der Landkreis in Sachen Strukturwandel ein abgestimmtes gemeinsames Vorgehen an. Im Demografiebericht ist dies als Demografiestrategie beschrieben.
Um langfristig planen zu können, sind außerdem genaue Zahlen notwendig. Wir streben daher ein sogenanntes Demografie- und Sozialmonitoring an, das uns in regelmäßigen Abständen mit jeweils aktuellen Zahlen versorgt. Die dafür notwendigen Daten sind bereits bei den einzelnen Ämtern vorhanden, sie müssen aber zusammengebracht und gezielt ausgewertet werden. Manche Daten sind auch bei anderen Institutionen vorhanden. Die Kassenärztliche Vereinigung etwa verfügt über für uns wichtige Daten, was die Versorgung mit Hausärzten angeht.

Wer sind die Akteure, die die Strategien zur Bewältigung des demografischen Wandel umsetzen sollen?

Der letzte Demografiebericht von 2014 macht ganz klar, dass bei der Umsetzung zum einen die Gemeinden mit im Boot sein müssen und das Veränderungsprozesse auf Dorfebene selbst gestaltet werden müssen.

Die Bürger sollen sich also zusammensetzen und ein paar gute Ideen entwickeln?

Selbstverständlich kann es bei einem für unseren Landkreis so existenziellen Thema wie dem demografischen Wandel nicht einfach heißen: „Liebe Dörfer, macht mal! Euch wird schon etwas einfallen.“ Unser Ziel ist es, an der Basis, also in den Dörfern mehr Bürgerbeteiligung durch eine kontinuierliche Dorfentwicklung anzuregen. Dazu verbreiten wir das Instrument der „Dorfmoderation“: bei diesem Konzept können zusammen mit den Ortsräten Zukunftswerkstätten und Dorfversammlungen angeregt werden, mit deren Hilfe viele gute Ideen zusammentragen und umgesetzt werden können. Unterstützt durch den Landkreis gibt es Qualifizierungsmaßnahmen, damit es zukünftig in den Dörfern Personen gibt, die das Thema zwar ehrenamtlich aber dennoch professional geschult anstoßen. Diese „Dorfmoderatorinnen“ oder „Dorfmoderatoren“ sollen alle Akteure im Dorf mit Blick auf den demografischen Wandel vernetzen. Dass das gelingt ist meiner Auffassung nach die entscheidende Voraussetzung dafür, dass wir den Wandel positiv gestalten können.

Besteht nicht die Gefahr, dass Dörfer sich dann gegenseitig Konkurrenz machen?

Damit das nicht passiert, müssen die Dörfer miteinander ins Gespräch kommen. Dazu kann es auch auf Ebene der Gemeinden eine Person geben, die das fördert. Auch als Landkreis können wir das unterstützen, indem wir gezielt Veranstaltungen wie die Reihe „Dörfer im Dialog“ anbieten. In diesem Rahmen können sich die Dörfer darüber austauschen, welche Projekte gut funktionieren und welche eher nicht und voneinander lernen. Die Dörfer merken, dass sie nicht alleine dastehen. Es kann ein Wir-Gefühl entstehen.
 
Welche Arten von Projekten stoßen Ihrer Erfahrung nach bei den Dörfern auf Interesse und welche weniger? Welche Projekte funktionieren in der späteren Umsetzung in der Regel gut und welche weniger gut?

Projekte, die in den Dörfern entwickelt und mehrheitlich getragen werden, haben Aussicht auf Erfolg, z. B. Suppenküchen zur Förderung der Kommunikation im Dorf, Dorfflohmärkte, Kulturveranstaltungen, die Einrichtung von Informationstafeln und genossenschaftlich organisierte Dorfläden. Schwer wird es immer dann, wenn Projekte sich wirtschaftlich selber tragen sollen.

Die Bewältigung des demografischen Wandels ist nicht nur mit guten Ideen sondern auch mit finanziellem Aufwand verbunden, oder?

Es ist ganz wichtig, dass Mittel für die Umsetzung der entwickelten Ideen zur Verfügung stehen, über die die Dörfer selbst verfügen können. Denn das einzelne Dorf weiß selbst am besten, was es benötigt.

Der demografische Wandel wird in einigen Bereichen auch zu einem Rückbau führen. Wird dies den Bürgerinnen und Bürgern nicht schwer zu vermitteln sein?

Wir müssen das Thema Rückbau als gestalterische Frage begreifen und gemeinsam mit den Bürgern die Frage klären: Wo wollen wir am Ende hin? Wollen wir also etwa zwei Schulen mit jeweils wenigen Kindern oder eine Schule mit mehr Kindern, die dafür aber finanziell besser ausgestattet ist? Wichtig ist, dass die Bürgerinnen und Bürger immer mit in die Entscheidungen einbezogen sind. Heikle Themen wie Schulschließung sollten ruhig und differenziert besprochen werden, mit Zahlen hinterlegt.

Welche weiteren wichtigen Aussagen enthält der Demografiebericht aus Ihrer Sicht?

Er zeigt deutlich, dass wir im Landkreis bereits einen Leerstand bei Immobilien haben, während die Stadt Göttingen aus allen Nähten platzt und dort Wohnraum fehlt. Es kann natürlich nicht darum gehen, den kompletten Leerstand im Landkreis mit Wohnungssuchenden aus Göttingen zu füllen, aber wir müssen alles daran setzen, damit das Wohnen auf dem Dorf im Umkreis von Göttingen so attraktiv wie möglich wird.
Was der Bericht ebenfalls deutlich macht, ist, dass die Bereitschaft zum bürgerschaftlichen Engagement bei Menschen über 60 extrem hoch ist und dass dieses Potential bei Weitem noch nicht ausgeschöpft wird. Wir müssen daher sicherstellen, dass die, die sich engagieren wollen, das auch tun können. Etwa als Dorfmoderatorin oder Dorfmoderator.

 

Robin Kreide

Robin Kreide gibt gemeinsam mit Dagmar Pairan das Magazin in göttingen heraus, ein regionales Magazin für Menschen im besten Alter. Mit seinem Unternehmen Pairan + Kreide berät er außerdem Unternehmen und Institutionen rund um die Themen Öffentlichkeitsarbeit und Content Marketing.

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