Alt und Jung unter einem Dach

von Till Duchatsch

Wie eine Hortgruppe eine Seniorenresidenz rockt

Es klingt wie eine Sensation: Seit mehr als einem Jahr ist eine Hortgruppe mit 20 Kindern fester Bestandteil des GDA Wohnstift Göttingen, einer Seniorenresidenz mit 550 Wohnungen. Betreiber der Hortgruppe ist die Kindertagesstätte St. Martin, eine Kirchengemeinde aus der Nachbarschaft. Ziel der Kooperation ist neben einer guten Betreuung der Kinder, die hauptsächlich aus dem Quartier kommen, das Miteinander der Generationen aktiv und kreativ zu gestalten.
Dabei wurde die Idee „Jung und Alt unter einem Dach“ hier natürlich nicht neu entwickelt. Schließlich ist sie die Grundidee menschlichen Zusammenlebens: In klassischen Familienverbänden konnten die „Alten“ ihre Erfahrungen einbringen und weitergeben, die „Jungen“ brachten neue Ideen und Lebensenergie mit.


In unserer heutigen arbeitsteiligen Gesellschaft hat diese Generationenverbindung deutlich nachgelassen. Dies liegt vor allem daran, dass in der Regel Angebote für jede einzelne Altersgruppe entwickelt wurden und weiterhin entwickelt werden, aber wenig Energie in generationsübergreifende Angebote investiert wurde und wird. In einer alternden Gesellschaft wie der unsrigen wird dieses Defizit nun deutlich und macht ein Umdenken nötig.
Auch für das Wohnstift und die Kirchengemeinde war es Zeit, neue Wege zu gehen und eine Hortgruppe mit 20 Kindern in den Alltag einer Seniorenresidenz zu integrieren. Jetzt ist der Gebäudekomplex nicht mehr nur ein Begegnungsort, sondern ein Zuhause für Jung und Alt. Er ermöglicht Interaktion auf Augenhöhe und hat damit enorme Auswirkungen auf ein gegenseitiges Verständnis und gemeinsames Handeln.
 Ziel ist es, im Rahmen eines ungezwungenen Miteinanders den Alltag gemeinsam zu gestalten, Spaß zu haben und gemeinsame Ideen zu entwickeln. Die Kinder lernen dabei Alter und auch Hochaltrigkeit kennen, Krankheiten und Gebrechlichkeit einzuschätzen und zu respektieren, aber auch die enorme Kraft und das enorme Wissen zu nutzen, was bei vielen Seniorinnen und Seniorien vorhanden ist und dort bisher oft leider nur vor sich hin schlummert.
Die Senioren haben oft Erinnerungen an eigene Kinder und Enkel, mit denen sie aber nicht mehr täglich zu tun haben. Die Offenheit, Leichtigkeit und Lebensfreude der Kinder der Hortgruppe animiert sie, kreativen Prozessen gegenüber mehr Offenheit zu zeigen und wieder mehr über die eigenen noch vorhandenen Stärken und Fähigkeiten nachzudenken. Zudem fördern Begegnungen mit Kindern die Aktivitätsbereitschaft und sorgen für ein positives Lebensgefühl.
Einzigartig an dem Konzept ist nicht die Zusammenführung von Jung und Alt, sondern die speziellen Gruppen, die hier interagieren. Dies sind einerseits Seniorinnen und Senioren, die sich für eine Wohnform des Betreuten Wohnens entschieden haben, also selbstbestimmt leben wollen. Dies bedeutet auch, dass ein „Pflichtprogramm“ nicht funktionieren würde, bei dem z. B. Kinder aus der benachbarten Kindertagesstätte einmal die Woche zu Besuch kommen und gemeinsam gebastelt wird.
Auf der anderen Seite gibt es eine Hortgruppe, also Kinder, die in der Grundschule sind und nachmittags betreut werden. Diese Kinder wollen die Welt entdecken und ihre Freiheiten erkunden. Sie suchen Kontakt und Nähe zu Menschen, wollen aber kreativ sein und eigene Ideen einbringen. Sie sind neugierig auf andere Lebensweisen und interessiert an Lebensgeschichten.  
In der Zusammenführung dieser beiden Gruppen liegt die Besonderheit des Konzeptes, das dadurch die einzigartige Möglichkeit bietet, dass ein Kontakt auf Augenhöhe zu Stande kommt, weil beide Gruppen die Residenz als ihr Zuhause ansehen. Gemeinsame Aktivitäten entwickeln sich aus einem normalen Zusammenleben und müssen nicht vororganisiert werden. So werden bei beiden Gruppen auf besondere Weise Potentiale genutzt, die unmittelbar positiv wirken und auf alle Beteiligten eine nachhaltige Wirkung haben.


Wichtiger Bestandteil des Konzeptes ist der Faktor Glück. Die Kinder aus der Hortgruppe fühlen sich in der Residenz heimisch und haben vielfältigen Kontakt zu den Bewohnerinnen und Bewohnern.  Zahlreiche persönliche Kontakte beim Lesen, Basteln, Spielen oder Singen sorgen für glückliche Momente. Ebenso bei den Bewohnerinnen und Bewohnern, die plötzlich wieder auf eine ganz andere Weise am Leben teilnehmen und mit den Kindern und deren Familien persönliche Kontakte aufbauen können. Aber auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Wohnstifts ist es etwas Besonderes. Ein Kinderlachen oder mal ein Besuch im Büro oder ein Treffen auf dem Flur durchbrechen immer wieder den Alltag und sorgen für den ein oder anderen entspannten Moment zwischendurch. Dies wirkt sich auf das Betriebsklima, aber auch auf den Umgang mit den Bewohnerinnen und Bewohnern positiv aus. Insgesamt ist festzustellen, dass dort, wo Alt und Jung zusammenwirken, ein Stück Leichtigkeit im Alltag zu spüren ist, der allen Beteiligen guttut!


Durch das Projekt ist ein ganz natürlicher Prozess wieder in Gang gekommen, der noch vor 100 Jahren normal war. Jung und Alt unter einem Dach bietet jede Menge Vorteile, weil man sich ergänzt, anregt, aber auch Konflikte rechtzeitig erkennt und ihnen begegnen kann. In einer Gesellschaft, die immer individueller und immer virtueller wird, sind dieses gegenseitige Verständnis und eine natürliche Wertschätzung wichtig für einen weiterhin guten Zusammenhalt.

Till Duchatsch

Till Duchatsch ist Marketingleiter der Stiemerling Residenzen in Northeim. Zuvor war er Wohnstiftberater beim GDA Wohnsitft Göttingen.

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